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Biologie und Börse

Frau plus alter Mann gleich Dreamteam an der Börse?

von Angela Göpfert

Finanzkrisen, Skandale, Crashs - der Neurobiologe John Coates glaubt, den Verursacher allen Börsenübels gefunden zu haben: das urmännliche Hormon Testosteron. Doch wären mehr Frauen und alte Männer an den Finanzmärkten wirklich die Lösung aller Probleme?

Hugh Hefner und seine Freundin Crystal Harris

Playboy-Gründer Hugh Hefner und seine Freundin Crystal Harris

In der Steinzeit ging der Mann auf die Jagd, um Beute zu erlegen. Heute jagt er dem Geld hinterher. Als moderner Mann tut er das mit Vorliebe an der Börse. Doch laut dem Forscher und Ex-Derivatehändler John Coates hat sich seit der Steinzeit nicht viel geändert, der Mann ist für ihn immer noch ein Spielball seiner Hormone.

Mehrere Speichelproben später
In seinem Buch "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" beschreibt Coates, wie physiologische Abläufe männliche Investitionsentscheidungen beeinflussen. Dazu mussten Händler der Londoner Börse zweimal täglich Speichelproben abgeben. Coates fand heraus, dass gerade die Broker, in deren morgendlichem Schlecktest ein hoher Testosteronspiegel festgestellt wurde, den Rest des Tages erfolgreicher arbeiteten als ihre Kollegen.

Im ersten Schritt scheint Testosteron somit unabdinglich für den Erfolg an der Börse. Die Erklärung dafür ist ebenso banal wie einleuchtend: Höheres Testosteron gleich höheres Selbstvertrauen gleich höhere Risikobereitschaft gleich riskantere Entscheidungen gleich höhere Gewinnmargen.

"Das ist wie Selbstdoping"

Kämpfende Hirsche

Kämpfende Hirsche

Der Börsenerfolg wiederum lässt den Testosteronspiegel der Händler weiter ansteigen. Coates zieht einen Vergleich zum Tierreich: "Wenn ein Tier einen Kampf gewinnt, steigt sein Testosteron-Spiegel, beim Verlierer sinkt er. Jeder Sieg erhöht also die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal zu siegen. Das ist wie Selbstdoping."

Doch wehe, wenn der Testosteron-Spiegel nicht sinkt! "Wenn der Testosteronstand exzessiv wird, wie dies etwa bei Spekulationsblasen der Fall ist, kann die Lust auf Risiko obsessiv werden", warnt Coates. Mit verheerenden Folgen: "Jedes Mal, wenn eine Bank mehr als eine Milliarde Dollar verliert, ist ein Händler involviert, der sich am Ende einer jahrelangen Gewinnserie befindet", unterstreicht Coates. Mit anderen Worten: Männliche Hormone pumpen die Blase auf – und verursachen Crashs.

"Mehr Frauen und alte Männer"

Sieht Coates einen Ausweg aus dem Diktat der Hormone? "Über 90 Prozent der Händler sind junge Männer mit viel Testosteron", sagte er. "Ein Weg, die Märkte zu stabilisieren, wären mehr Frauen und alte Männer an den Börsen." Schließlich liege der Testosteron-Spiegel von Frauen um 90 Prozent unter dem von jungen Männern.

Doch hat Coates seine eigenen Forschungsarbeiten nicht ganz gelesen? Demnach wäre es doch blödsinnig, junge Männer und ihren hohen Testosteronspiegel als fiese Übeltäter zu brandmarken. Denn offensichtlich ist Testosteron ja zunächst der Schlüssel allen Börsenerfolges!

Hässliche Szenen auf dem Parkett
Das wäre doch ein gefundenes Fressen für die Pharmaindustrie: Kommt sie schon bald, die Gewinner-Pille für den Börsenhändler? Und dann: Doping-Kontrollen an der Börse? Anzeige der Händler-Hormonspiegelkurve direkt neben den Börsenkursen?

Auch hässliche Szenen auf dem Börsenparkett sind denkbar: So müssen sich männliche Händler, die an der Börse wenig erfolgreich agieren, künftig vielleicht auch noch dumme Sprüche anhören wie diesen: "Na, wohl ein kleines Hormontief, Kollege?!" Und weibliche Händler müssten sich wohl noch mehr gefallen lassen: "Sorry Weib, zum Gewinnen bist du einfach nicht gemacht!"

John Coates

Bevor sich John Coates an der Universität von Cambridge zum Neurobiologen umschulen ließ, handelte er zwölf Jahre lang an der Wall Street mit Derivaten. Er arbeitete für Goldman Sachs, Merrill Lynch und zuletzt für die Deutsche Bank. 2012 veröffentlichte er sein Buch, das in den Medien für Furore sorgte: "The Hour Between Dog and Wolf. Risk Taking, Gut Feelings, and the Biology of Boom and Bust."

Bald bärtige Börsenhändlerinnen?

Hier könnte dann wieder das Hormon-Doping ins Spiel kommen. Dann müssten wir uns, nachdem die DDR-Sportlerinnen endlich aus dem TV-Programm verschwunden sind, vielleicht schon bald mit dem Anblick bärtiger Börsenhändlerinnen anfreunden.

Bevor es jetzt aber zu gruslig wird: Coates hält noch einen zweiten, weniger spektakulären, weniger medienwirksamen Vorschlag parat, um das Hormon-Trading zu stoppen: Die Banken müssten einfach ihre Händler nach einigen Erfolgen für eine Weile beurlauben. Dann würde sich der Testosteronspiegel der Broker wieder normalisieren – und das Spiel könnte von Neuen beginnen.

Nur, welche Bank der Welt wäre gewillt, ausgerechnet ihre erfolgreichsten Händler aus dem Verkehr zu ziehen!? Und überhaupt: Eine ruhige, beständige, langweilige Börse - wer will das schon!?

Stand: 19.02.2013, 15:22 Uhr