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Anlegerfehler Fehler 6: Selektive Wahrnehmung

von Detlev Landmesser

Stand: 31.10.2013, 08:10 Uhr

Das wussten schon die alten Griechen: Die Realität und wie wir Menschen sie verarbeiten, sind zwei verschiedene Dinge. An der Börse treibt die selektive Wahrnehmung aber besonders teure Blüten.

An der Börse ist er allgegenwärtig, der menschliche Tunnelblick. Meist begegnet er uns schon beim Kauf: Ist man auf die Idee gekommen, einen Titel zu kaufen, sucht man Verstärkung. Man neigt dazu, bestätigende Argumente unkritisch zu übernehmen. Gegenargumente werden dagegen eher als störend empfunden und verdrängt.

In verschärfter Form lässt sich dies schön in den einschlägigen Internet-Foren verfolgen. Vernünftige Warner haben dort oft einen schweren Stand. Manche Fans einer bestimmten Aktie oder Anlageidee lassen sich selbst durch erdrückende Fakten nicht von ihrer Meinung abbringen.

Dieser Verdrängungsmechanismus setzt sich fort, wenn es um die Bewertung der eigenen Depotpositionen geht. Gewinner werden gefeiert, Verlustbringer umso lieber ausgeblendet. Ein Phänomen, das sich beispielsweise auch an der Nutzung der virtuellen Depots bei boerse.ARD.de beobachten lässt. Steigt der Dax, brummen die Server, weil sich viele Börsianer über die Fortschritte ihrer Schätzchen freuen wollen. Fallen die Kurse, wollen es viele nicht mehr so genau wissen und die Zahl der Depotzugriffe geht deutlich zurück.

Die Angst vor dem Versagen

Die Wissenschaft führt dieses Verhalten darauf zurück, dass Menschen sich ungerne Fehler eingestehen. Wie Studien mit Anlegern ergaben, schmerzen Verluste deutlich mehr, als Gewinne in gleicher Höhe erfreuen. Denn ein Kursverlust bedeutet zugleich eine Fehlentscheidung, deren Eingeständnis mit Schuldgefühlen und Reue einhergeht. Solche Dissonanzen versuchen Menschen gerne zu vermeiden.

Das erklärt die Zurückhaltung der Börsianer, wenn es ans Realisieren von Kursverlusten geht. Selbst wenn die Aussichten für den Kursverlierer trübe sind - die Hoffnung, dass der Posten doch wieder die Pluszone erreicht, stirbt zuletzt. Schließlich ist das Misserfolgs-Erlebnis erst komplett, wenn der Verlustbringer verkauft wurde. Aussitzen tut dagegen weniger weh. Hand aufs Herz: Lässt sich so nicht manche Depotleiche aus längst vergangenen seligen Zeiten erklären? Werden aber Verluste ausgeblendet, wird auch das Lernen aus Fehlern erschwert.

Tipp: Transaktionen andersherum betrachten!

Um der selektiven Wahrnehmung ein Schnippchen zu schlagen, ist es hilfreich, seine Transaktionen grundsätzlich auch aus der entgegengesetzten Perspektive zu betrachten. Wollen Sie eine Aktie kaufen, überlegen Sie sich, was für einen Verkauf des Titels sprechen würde. Denken Sie umgekehrt daran zu verkaufen, überlegen Sie sich zuerst, ob es nicht auch starke Argumente für einen Kauf des Papiers gibt. Würden Sie eine Depotleiche heute auf keinen Fall mehr kaufen, sollten Sie überlegen, ob Sie sie nicht schleunigst loswerden sollten.

Haben Sie sich zu einem Kauf entschlossen, sollten Sie gleichzeitig Ihre persönliche Schmerzgrenze bestimmen: Welchen Verlust will ich mir höchstens mit diesem Titel leisten? Ein einfaches Mittel, solche Schmerzgrenzen umzusetzen, sind Stop-Loss-Orders. Die funktionieren meist besser als rein "mentale" Verlustbremsen - die selektive Wahrnehmung lässt grüßen!

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