Wall Street nach einem Regenschauer. Die Straße in einer Pfütze gespiegelt

Was der VIX nicht verrät Trügerische Sorglosigkeit am Aktienmarkt

Stand: 18.05.2017, 12:20 Uhr

Die DZ Bank macht eine große Sorglosigkeit am Aktienmarkt aus. Gemessen am VIX-Index, dem Volatilitätsindex, der die Kursschwankungen am Aktienmarkt abbildet. Ein niedriger VIX-Index heißt eigentlich: keine Crashgefahr. Wie schnell aber unerwartete Ereignisse das Blatt wenden können, zeigt der gestrige Tag.

Bis vor kurzem herrschte noch eitel Sonnenschein an den Börsen: Das weltweit bekannteste Barometer für Kursschwankungen am Aktienmarkt, der VIX-Index in den USA, ist in der vergangenen Woche auf 8,9 Punkte gefallen. Das war der tiefste Stand seit 1993, schreibt die DZ Bank in einer neuen Studie, und eigentlich ein gutes Zeichen, wie Aktienstratege Christian Kahler resümiert.

Warum ist der VIX so extrem tief gefallen? Anleger schalteten um auf Sorglosigkeit. Macron hatte die Stichwahl in Frankreich gewonnen, und für die Finanzmärkte schienen nun die Risiken deutlich gemindert.

Also keine Crashgefahr? Wenn der VIX-Index, der die implizit erwartete Schwankungsbreite des marktbreiten amerikansichen Aktienindex S&P 500 misst, so niedrig steht, ist historisch betrachtet nicht unmittelbar mit Rücksetzern am Aktienmarkt zu rechnen. Bei früheren Tiefpunkten des VIX-Index - 1993/94, 2005/2007 und 2013/14 - gab es jedenfalls keine Korrekturen. "Wir gehen davon aus, dass der Aufschwung am Aktienmarkt noch einige Zeit anhalten wird", sagt auch Kahler.

VIX
Der VIX, der mit vollem Namen CBOE Volatility Index heißt, wird täglich von der Terminbörse Chicago Board Options Exchange (CBOE) veröffentlicht. Er gibt die erwartete Schwankungsbreite des US-amerikanischen Aktienindex S&P 500 an. Der Index stand seit seiner Einführung an der Terminbörse im Jahr 1992 im Mittel bei 19,5 Punkten.

Aber: Gedanklich fortschreiben dürfe man die Kursgewinne der Vergangenheit auch nicht, sagt der DZ Bank-Analyst. Denn "seit November 2016 sind Dax und Euro Stoxx 50 mit rund 25 Prozent überproportional gestiegen", führt Kahler aus.

Crash-Gefahr bei Unerwartetem

Und dann ist da noch die Crash-Gefahr bei bösen Überraschungen. Kommt es in den kommenden Monaten zu unerwarteten Ereignissen - Kahler gibt die bevorstehenden Wahlen in Italien zu bedenken - könnte das eine Konsolidierungswelle lostreten. Dann könnte die Volatilität rasch wieder anziehen.

Ähnlich analysiert Andreas Hürkamp von der Commerzbank die extrem niedrige Volatilität in den USA. "Ein akutes Ausstiegssignal ist eine niedrige Volatilität jedoch nicht", erklärt der Analyst. Denn die Volatilität könne mehrere Quartale auf niedrigem Niveau verharren. "Ein Bärenmarkt startete meist erst dann, wenn zu der Sorglosigkeit der Investoren eine restriktive Geldpolitik hinzukam, und dies dürfte noch einige Zeit nicht der Fall sein." Die zunehmende Sorglosigkeit der Investoren sei aber relativ typisch für einen in die Jahre gekommenen Bullenmarkt.

Der ehemalige Fed-Gouverneur Kevin Warsh drückte sich jüngst besorgter aus. Er fühle sich an die Zeit kurz vor Ausbruch der Finanzkrise erinnert und warnte vor der grassierenden Vertrauensseligkeit.

Dämpfer für die Sorglosigkeit

Der gestrige Kursrutsch an der Wall Street - sowohl Dow Jones als auch S&P 500 verloren in der gestrigen Börsensitzung 1,8 Prozent - zeigt denn auch, wie schnell Anleger von ihrer Sorglosigkeit und überraschenden Ereignissen überrannt werden können. Die Diskussion um eine Amtsenthebung des US-Präsidenten Donald Trump beendete die vorherige Rekordjagd an den Börsen abrupt.

Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum Intraday
Kurs
22.359,23
Differenz relativ
-0,24%
S&P 500: Kursverlauf am Börsenplatz S&P Indizes für den Zeitraum Intraday
Kurs
2.500,60
Differenz relativ
-0,30%
Gold in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1.296,52
Differenz relativ
+0,45%
Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.595,83
Differenz relativ
-0,03%

Für Marktexperte Michael Hewson von CMC Markets war der Kursrutsch wegen der zuletzt niedrigen Volatilität nur eine Frage der Zeit und eines nötigen Anlasses - der nun mit dem Politchaos in den USA eingetreten sei. "Jeder Bullenmarkt braucht von Zeit zu Zeit eine Korrektur", pflichtete ihm Markus Huber vom Broker City of London Markets bei. Trump habe den Anlegern nun als Grund gedient, um auf erhöhtem Niveau Profite einzustreichen.

Man könnte auch sagen: Auf einen Schlag war es vorbei mit der Sorglosigkeit. Die Volatiltät kehrte zurück: Der VIX sprang in der gestrigen Börsensitzung um 3,4 Punkte auf mehr als 14 Punkte. Investoren fanden dagegen Gold wieder ungemein attraktiv.

bs



Darstellung: