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Börsenpsychologie

Wichtiger Sentiment-Indikator

AAII: US-Anleger ganz privat

von Angela Göpfert

Stand: 11.05.2013, 14:01 Uhr

Regelmäßig befragt die American Association of Individual Investors (AAII) ihre Mitglieder nach deren Börsen-Befindlichkeiten. Die Ergebnisse stoßen bei Experten und Marktbeobachtern in der ganzen Welt auf großes Interesse.

Amerikanische Dollarscheine

US-Dollars. | Bildquelle: colourbox.de

Denn allen aufstrebenden Schwellenländern in Asien zum Trotz: Die Vorgaben für die globalen Aktienmärkte werden immer noch an der Wall Street gemacht. Ergo ist die Analyse der Stimmungslage bei den US-Anlegern für Börsianer nicht ganz unwichtig.

Allerdings ist die Sentiment-Analyse keineswegs das vordringliche Ziel der American Association of Individual Investors (AAII). Die gemeinnützige Organisation mit Sitz in Chicago hat sich vielmehr seit ihrer Gründung 1978 ganz der Bildung und Information der Privatanleger verschrieben.

Erfolgreiche Anleger?

Gründer James Cloonan glaubte fest daran, dass auch Privatanleger zu erfolgreichen Managern ihres eigenen Vermögens heranwachsen könnten. Vorausgesetzt, man unterstütze sie mit zahlreichen Bildungs-, Informations- und Forschungsprogrammen.

Und tatsächlich: Mittlerweile zählt die AAII mehr als 150.000 Mitglieder, die nach eigenen Angaben an der Börse zumeist höhere Gewinne erzielen als die Durchschnittsrendite des S&P 500. Das durchschnittliche AAII-Mitglied ist übrigens ein Mann in seinen späten Fünfzigern mit einem Hochschulabschluss. Mehr als die Hälfte der AAII-Mitglieder verfügt über ein Wertpapierdepot von mehr als 500.000 Dollar.

Solvente Anleger!

Diese Hintergrundinformationen sind nicht ganz unwichtig, zeigen sie doch die Bedeutung des AAII-Sentiment. Schließlich wird das AAII offensichtlich von den "oberen Zehntausend" derjenigen Privatanleger dominiert, die ihre Geldanlage noch selbst in die Hand nehmen.

Diese Mitglieder befragt die AAII einmal wöchentlich nach ihren Börsenbefindlichkeiten: Sind Sie für den Aktienmarkt in den kommenden sechs Monaten bullish, bearish oder neutral eingestellt?

Mehr Bullen als Bären

Ursprünglich wurde die Umfrage per Post an ein paar zufällig ausgewählte AAII-Mitglieder versandt. Seit Anfang 2000 führt AAII die Umfrage online durch. Im Mitgliederbereich auf AAII.com kann man einmal wöchentlich seine Stimme abgeben. Die Ergebnisse werden jeden Donnerstag auf der AAII Website www.aaii.com/sentimentsurvey sowie im renommierten Anlegermagazin "Barron's" veröffentlicht.

Im Langzeitdurchschnitt ergibt sich ein recht ausgewogenes Bild: Demnach beträgt der Anteil der Bullen 39 Prozent, die Bären kommen auf 30 Prozent, Neutrale auf 31 Prozent. Die aktuell gemessene Marktstimmung kann stark von diesen Mittelwerten abweichen. Sie reflektiert allerdings weniger, wohin der Markt gehen wird, sondern wo er gerade steht. Anleger können die gemessene Marktstimmung somit als "Contrarian-Indikator" nutzen.

Wehe, wenn die Bullen brüllen

Wenn der Durchschnittsinvestor blindlings die Aktienquote erhöht und dem Glauben anhängt, die Börse kenne nur eine Richtung, dann wird es gefährlich. So geschehen am 6. Januar 2000: Auf dem Höhepunkt der Technologie-Blase waren 75 Prozent der AAII-Mitglieder mit Blick auf die folgenden sechs Monate eindeutig positiv gestimmt für den Aktienmarkt - ein Rekordhoch.

Einziges Problem: Aufgrund ihrer extrem bullishen Einstellungen waren die Anleger zu diesem Zeitpunkt nahezu vollständig investiert. Dies stand weiteren Börsenanstiegen diametral entgegen. Mit anderen Worten: Woher sollten die Käufer kommen, wenn alle schon gekauft hatten?! Das bittere Ende der Dotcom-Euphorie ist hinlänglich bekannt.

Extreme Herangehensweise

Verwertbare Signale des AAII-Sentiments erhält man also vor allem dann, wenn so genannte "extreme readings" erreicht werden. Doch wann kann man von "extremen Werten" sprechen? Wayne A. Thorp, Senior Financial Analyst bei AAII und Herausgeber von "Computerized Investing", hat sich mit genau dieser Frage vor einigen Jahren auseinander gesetzt. Das Ergebnis seiner Studien gibt Anlegern eine erste Hilfestellung bei Interpretation der AAII-Daten.

Laut Thorp gibt es nämlich bestimmte Barrieren, die es zu beachten gilt: Überstieg das bearishe Sentiment die 55,5-Prozent-Marke, dann kletterten die Kurse in den folgenden zwölf Monaten um knapp 24 Prozent. Schmolz das Lager der Bären hingegen auf Werte unter 9,5 Prozent zusammen, waren Kursverluste von durchschnittlich 18 Prozent die Folge.

Bitte keine Sklaverei

Aus der Perspektive eines deutschen Privatanlegers wäre es sicherlich falsch, sich bei seinem Anlageverhalten sklavisch an diese Barrieren zu klammern. Die Sentiment-Daten der AAII können aber durchaus eine wichtige Orientierung und Grundlage bei der Entscheidungsfindung bieten, gerade in unsicheren Zeiten an der Börse - und zusätzlich zu den bekannten Instrumenten der Chart- und Fundamentalanalyse.

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