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Rohstoffe

Zwei Erdölpumpen in der Dämmerung

Weiter in Richtung 30 Dollar

Ölpreise im freien Fall

Stand: 12.01.2016, 14:58 Uhr

Sorgen um die chinesische Konjunktur und ein gleichzeitig massives Überangebot drücken kontinuierlich den Ölpreis. Aber Öl ist immer auch Politik - und die politischen Spannungen wachsen.

Der Verfall der Ölpreise geht ungebremst weiter. Erstmals seit zwölf Jahren ist der Preis für die wichtige Nordseesorte Brent unter die Marke von 31 Dollar gefallen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte zur Lieferung im Februar kostete am Morgen 30,66 US-Dollar, 89 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI fiel um 78 Cent auf 30,63 Dollar - ebenfalls der niedrigste Stand seit 2004. Im weiteren Handelsverlauf hat sich der Preis heute allerdings wieder von diesen Tiefstständen erholt und ist mittlerweile ins Plus gedreht.

China und das Überangebot

Die Begründungen für das tägliche Preismassaker lesen sich fast immer gleich. Hinter dem dramatischen Verfall der Preise für das 'schwarze Gold' steht natürlich primär die Sorge um die konjunkturelle Entwicklung in China, des weltweit größten Verbrauchers. Mit jeder schwächeren Konjunkturzahl aus dem Reich der Mitte steigen die Sorgen der Anleger und der Ölpreis bekommt einen weiteren Nackenschlag.

Brent

Brent ist die wichtigste europäische Ölsorte. Sie wird an der Londoner Börse ICE Futures gehandelt und dient als Referenz für viele andere Ölsorten. Brent setzt sich mittlerweile aus Öl der vier Nordsee-Felder Brent, Forties, Oseberg und Ekofisk zusammen.

Zudem tobt angesichts des weltweiten Überangebots ein gnadenloser Preiskampf. Denn spätestens seit Amerika mit seinen gewaltigen Schieferölbeständen den Markt kräftig durcheinander gewirbelt hat, geht es mit den Kursen massiv bergab. Noch im Sommer 2014 kostete Brent fast 115 Dollar je Barrel (159 Liter), die US-Sorte WTI über 100 Dollar je Fass.

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Die politische Komponente

Zumindest in diesem Ausmaß neu ist aber die politische Komponente. Zur Erinnerung: Öl und Politik, das ist fast immer eine Gleichung. Der Historiker und Ökonom Daniel Yergin hat wie kein Zweiter in seinem 1991 erschienenen Standardwerk "Der Preis - Die Jagd nach Öl, Geld und Macht" diesen Zusammenhang beschrieben, er erhielt hierfür 1992 den begehrten Pulitzer-Preis.

EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarifbei einer Pressekonferenz im Rahmen der Atomgespräche zwischen dem Iran und der 5+1 Gruppe

EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif.

Stoff, um sein Buch weiterzuschreiben (das von Rockefellers Tagen bis zum ersten Golfkrieg 1991 reicht) hätte der 1947 geborene Yergin derzeit genug. Vor allem der Konflikt zwischen den beiden regionalen Großmächten Saudi-Arabien und Iran spitzt sich zu und scheint derzeit primär auf dem Ölmarkt ausgetragen zu werden. Hintergrund ist der politische Konflikt im Nahen Osten, wo beide Länder derzeit Stellvertreterkriege führen und um Macht und Einfluss ringen. Zudem wird der Iran schon bald vom internationalen Bannstrahl wegen seines Atomprogramms befreit, so dass weiteres Öl auf den Weltmarkt strömt und damit das Überangebot noch verstärkt.

Saudi-Arabien im Blick

Erdölraffinerie in Saudi-Arabien

Erdölraffinerie in Saudi-Arabien. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Was aber treibt derzeit die Saudis um, nach Russland der weltgrößte Ölförderer? Erst im Dezember konnte sich das Ölkartell Opec, anders als sonst, nicht auf eine Begrenzung der Fördermengen einigen, um den Preis zumindest zu stabilisieren. Maßgeblich Saudi-Arabien verhinderte eine Einigung. Dabei scheinen die Saudis darauf zu setzen, dass die Konkurrenz bei einem derart niedrigen Preis nicht mithalten kann.

Diese Strategie im Kampf um Marktanteile dürfte gegen den Iran, aber auch die "neue" Ölgroßmacht USA gerichtet sein. Die Taktik scheint aufzugehen, denn wie erst jüngst die Commerzbank erklärte, sind die neuen Bohrungen in den USA drastisch zurückgegangen. Diese seien auf das niedrigste Niveau seit April 2010 gefallen. "Es ist unseres Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis die US-Rohölproduktion daraufhin merklich zu fallen beginnt", so die Experten der Bank.

Allerdings erklärte das US-Energieministerium zuletzt, dass der Rückgang der US-Produktion im Januar lediglich 116.000 Barrel pro Tag betragen dürfte, was von Marktbeobachtern als Zeichen für die hohe Widerstandsfähigkeit der US-Ölindustrie angesehen wird. Vorzeitig abschreiben sollte man die Amerikaner also auch nicht.

Russland, Venezuela & Co.

Schlimm trifft es aber zweifellos die Länder, die größtenteils auf den Ölexport angewiesen sind. Allen voran der Ölriese Russland, der zwar auch ein militärischer Riese ist, im Kern aber nach wie vor ein Schwellenland bleibt. Selbst Wladimir Putin, der starke Mann in Moskau, räumte jüngst ein, dass der Verfall der Ölpreise sein Land härter treffe als alle westlichen Sanktionen.

Wladimir Putin

Wladimir Putin. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Wie es heute aus Regierungskreisen heißt, muss wegen der fallenden Ölpreise der Haushalt zum zweiten Mal in Folge um zehn Prozent gekürzt werden. Dies berichtet die Nachrichtenagentur "Reuters" und beruft sich auf Insider. Der russische Staat bezieht etwa die Hälfte seiner Einnahmen aus Steuern des Öl- und Erdgassektors. Abzulesen ist das Dilemma der Russen recht zuverlässig an ihren Renditen für Staatsanleihen. Diese liegen derzeit für zehnjährige Rubel-Papiere bei 10,31 Prozent, trotzdem sind die Anleihen bei internationalen Investoren kaum zu platzieren.

Noch schlimmer trifft es Länder wie Nigeria oder Venezuela, die einen Verfall dieser Größenordnung nicht aussitzen können. Der nigerianische Ölminister Emmanuel Ibe Kachikwu will wegen des Preisverfalls ein Opec-Sondertreffen im März einberufen. "Wir haben gesagt, wenn der Preis die 35-Dollar-Marke erreicht, dann werden wir über ein Sondertreffen sprechen", sagte Kachikwu, der bis zum Jahreswechsel auch Opec-Präsident war, auf einer Konferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kachikwu räumte am Dienstag deutliche Meinungsverschiedenheiten zwischen den 13 Mitgliedern der Organisation ein.

Die Prognosen weisen nach unten

Wie die Geschichte ausgehen wird, kann heute niemand sagen. Geht es aber nach dem anerkannten Analysehäusern Goldman Sachs und jetzt auch Morgan Stanley, kommt auf die Ölexporteure und die Ölindustrie noch so einiges zu. Beide Häuser prophezeien einen Absturz des US-Ölpreises auf 20 Dollar.

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Neben dem Überangebot führen die Experten von Morgan Stanley in ihrer neuesten Studie vor allem den starken Dollar als Grund an. Denn wertet der US-Dollar fünf Prozent auf, gehen die Preise für Rohöl rund zehn bis 25 Prozent in den Keller. Konkret warnt Morgan Stanley: "Wenn wir uns die derzeitige Aufwertung des US-Dollars anschauen, scheint ein Ölpreis zwischen 20 und 25 US-Dollar durchaus wahrscheinlich."

Nebeneffekte

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ARD-Börse: Die Schattenseiten des niedrigen Ölpreises

Damit dürfte zumindest auf die Autofahrer und auch die Autoindustrie eine unbeschwerte Zeit zukommen. "Insgesamt rechnen wir durch den Ölpreis-Effekt mit einer Zusatznachfrage von mehr als 600.000 Pkw", sagte der Duisburger Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer der "Welt" von Montag. Er gehe davon aus, dass 2016 weltweit rund 78,6 Millionen Pkw verkauft werden. Ohne Ölpreis-Effekt läge der Markt bei 78 Millionen Pkw.

Wie stark der Ölpreiseffekt in einem Land ist, hängt laut Dudenhöffer davon ab, wie gesättigt der jeweilige Markt bereits ist. In Ländern mit geringer Fahrzeugdichte - etwa in Indien, Mexiko der Türkei oder Indonesien - fällt der Effekt demnach besonders stark aus. Apropos Indien: Dort liegt der Preis für Mineralwasser mittlerweile über dem Ölpreis. Umgerechnet auf den Liter kostet Öl 18 und Mineralwasser 21 Cent.

rm

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BP hat 2015 schon drei Mal den Rotstift angesetzt und das Investitionsprogramm zusammengestrichen. Immer noch plant der Öl-Multi aber für dieses Jahr Investitionen in Höhe von 19 Milliarden Dollar. Die BP-Aktie hat arg gelitten. Im Mai gelang der Aktie noch ein Zwischenhoch nahe 6,80 Euro, danach fiel sie bis auf 4,40 Euro. Auf dieses Jahrestief ist das Papier nach einer Zwischenerholung aktuell wieder zurückgefallen.

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