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Rohstoffe

Zwei Erdölpumpen in der Dämmerung

Furcht vor Abkühlung in China

Öl fällt und fällt und fällt

Stand: 06.01.2016, 14:14 Uhr

Der Preis für die richtungsweisende Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee ist am Mittag zeitweise auf ein Elfeinhalb-Jahres-Tief von 34,83 Dollar je Barrel gefallen. Die Anleger reagieren erschrocken. Ist der Verfall für die Volkswirtschaft ein Segen?

Während die niedrigen Ölpreise für die Förderländer immer verheerendere Auswirkungen haben, können sich die Verbraucher in den anderen Ländern über einen Zuwachs der Kaufkraft freuen.

Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben die Deutschen durch niedrigere Preise für Heizöl und Benzin 2015 im Vergleich zu 2014 pro Kopf im Durchschnitt rund 100 Euro im Jahr gespart. Das entspricht knapp 8,5 Milliarden Euro. Für Ehepaare und Familien liegt der Betrag entsprechend höher - zudem profitierten Autofahrer überdurchschnittlich.

Niedrige Inflation

Dank des niedrigen Ölpreises verharrt auch die Inflationsrate deutlich unter der von den Zentralbanken angestrebten Marke von 2,00 Prozent. In Deutschland lag die Teuerungsrate im vergangenen Jahr gegenüber 2014 bei durchschnittlich 0,3 Prozent.

Der seit über einem Jahr sinkende Ölpreis senkt inzwischen auch die Preise der Güter und Dienstleistungen, die unmittelbar nichts mit Energie zu tun haben. Denn Öl ist ein wichtiger Grundstoff, der für die Produktion vieler Güter verwendet wird. Außerdem senken niedrigere Energiekosten tendenziell die Preise von Dienstleistungen, etwa Transportkosten.

Auch China profitiert

Selbst das in diesen Tagen als größter Unsicherheitsfaktor an den Märkten wahr genommene China hat von den gesunkenen Ölpreisen deutlich profitiert. Experten haben errechnet, dass das Land in den ersten elf Monaten des Jahres 2015 insgesamt neun Prozent mehr Öl als im Vorjahr importiert hat, dafür aber 41 Prozent weniger zahlen musste. Damit ist es zu einem enormem Transfer von Kaufkraft nach China gekommen - wodurch die allgemeine Abkühlung der chinesischen Volkswirtschaft etwas abgemildert werden konnte.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Ein Ende des Überangebots an den Ölmärkten ist nicht abzusehen. "Ein festerer US-Dollar, Nachfragesorgen und das reichliche Angebot lasten stark auf den Preisen", meint Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. Zudem würden die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran von der Mehrheit der Marktteilnehmer negativ für den Ölpreis interpretiert, weil sie eine gemeinsame Linie der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) zum Abbau des Überangebots unwahrscheinlicher machten. Die Marktstimmung sei "extrem negativ" und weise auf "spekulative Übertreibungen hin", so Weinberg. "Wo und wann diese enden werden, lässt sich momentan nicht absehen."

Düstere Aussichten

Sollte die Förderung also nicht sinken, "könnte der Ölpreis noch zwei, drei Jahre auf niedrigem Niveau liegen", prophezeit Steffen Bukold, Chef von "Energycomment" und Autor des Buches "Öl im 21. Jahrhundert".

Für die erdölfördernden Länder sind das düstere Aussichten. Sie rutschen mit jedem Tag, den die Baisse anhält, tiefer in die Krise. Mittelfristig ist das auch für den Rest der Welt besorgniserregend. Schon jetzt mehren sich die Signale, dass die Finanzmärkte einen höheren Ölpreis bevorzugen würden, deuten doch sinkende Ölpreise auf eine sich abflauende Weltwirtschaft hin.

Auch gilt ein übertrieben niedriger Ölpreis als ein erhöhtes Sicherheitsrisiko, da gerade die meisten erdölfördernden Staaten bereits in guten Zeiten Mühe haben, die junge und wachsende Bevölkerung angemessen mit Arbeitsplätzen und Wohnungen zu versorgen.

lg

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