Hendrik Leber, Acatis

"Der Computer arbeitet gründlicher"

Stand: 03.04.2017, 15:21 Uhr

Heute noch ein bisschen Science-Fiction, aber in zehn Jahren Standard ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz beim Portfolio-Management, meint Acatis-Gründer Hendrik Leber. Der Computer ist für den Value-Investor eine Art "Warren-Buffett-Maschine".

boerse.ARD.de: Herr Dr. Leber, seit einer Woche gibt es Ihren Acatis-Fonds, der allein durch künstliche Intelligenz, KI, gesteuert wird. Wie ist bislang die Resonanz bei Investoren?

Hendrik Leber: Wir haben eine ausgesprochen positive Resonanz, sehr hohes Interesse und viel Neugier erfahren. Mit dem Thema künstliche Intelligenz kann man derzeit in der Finanzbranche jede Tür öffnen.

boerse.ARD.de: Gibt es nicht auch Bedenken gegen die "Maschine" als Fondsmanager?

Leber: Erstaunlicherweise nicht. Wir sind ja weiterhin dem Value-Gedanken verpflichtet, also dem Ansatz von Warren Buffett. Und wenn eine solche "Warren-Buffett-Maschine" diesen Ansatz besser und schneller verfolgen kann, spricht auch aus Investorensicht wenig dagegen.

boerse.ARD.de: Der Fonds ist nun seit gut einer Woche im Markt. Wie viele Mittel konnten bereits gewonnen werden?

Leber: Basierend auf den aktuellen Zuflüssen rechnen wir in Kürze mit 20 bis 50 Millionen Euro und fühlen uns damit sehr wohl. Derzeit haben wir eine Mindesteinstiegssumme von zwei und eine maximale Anlagesumme von fünf Millionen Euro vorgesehen. Der Fonds kann aber durchaus einmal zehn- oder 20mal so groß werden.

boerse.ARD.de: Wie arbeitet der "intelligente" Computer bei der Auswahl der Aktien für den Fonds?

Leber: Das ist ein komplexer mathematischer Prozess, der sehr schwer nachzuvollziehen ist. Grundsätzlich wertet der Computer zunächst eine große Menge von Daten aus. Danach bringt er sie in eine "sinnvolle" Form, also gleicht zum Beispiel Währungsangaben aus. Danach bewertet er Aktien nach ihrer Attraktivität und nimmt sie gegebenenfalls in ein Portfolio auf. Dabei wird nicht nur auf den einzelnen Wert geachtet, sondern das gesamte Portfolio aus 50 Werten aufeinander abgestimmt.

boerse.ARD.de: Was kann der Computer besser als ein menschlicher Fondsmanager?

Leber: Der Computer arbeitet gründlicher. Bei der Unternehmensanalyse werden 200 Datensätze durchgearbeitet, nicht nur eine Handvoll. Im Bezug auf Mustererkennung „sieht“ die Maschine auch mehr als der Mensch. Er kann in Sekunden viele Tausend Portfolio-Strukturen aufstellen und auswerten.

boerse.ARD.de: Und worin besteht die intelligente Leistung der Maschine, der Lerneffekt?

Leber: Der Computer kann die Daten, Unternehmens-Kennziffern und Kursperformances interpretieren und immer bessere Lösungen für die Portfolio-Strukturen finden. Er lernt also, was gut funktioniert hat und vielleicht auch in Zukunft gut funktionieren wird. Und er passt diese "Erkenntnisse" fortlaufend an.

boerse.ARD.de: Aber er kann kein Ereignis vorher sehen, das es noch nicht gab und das vielleicht in einen Crash führt?

Leber: Mich würde es wundern, wenn er das könnte. Dann hätten wir bei der Programmierung wohl etwas falsch gemacht. Nein, der Computer soll ja sogar die Erfahrungen eines Crashs machen – um daraus zu lernen.

boerse.ARD.de: Sie haben laut Regelwerk die Zahl der Aktien im KI-Fonds auf etwa 50 begrenzt und schichten das Portfolio nur halbjährlich um, warum?

Leber: Wir haben bei der Vorauswahl Wert darauf gelegt, schon einmal die „besten“ Aktien auszuwählen – das ist bereits einmal eine deutliche Verkleinerung der Auswahl. Daneben können nur Aktien mit einer Mindestkapitalisierung von einer Milliarde Euro berücksichtigt werden. Der Ansatz ist eher langfristig orientiert, wir wollten bewusst nicht, dass die Aktienauswahl zu sehr am aktuellen Börsengeschehen orientiert ist.

boerse.ARD.de: Sie bezeichnen das Investieren mithilfe künstlicher Intelligenz als nächste Entwicklungsstufe im Portfolio-Management. Was bedeutet das für die Fondsbranche in den kommenden Jahren?

Leber: Aus meiner Sicht wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz in zehn Jahren Standard in der Branche sein. Ähnlich wie bei autonomem Fahren wird der Mensch auch beim richtigen Investieren eher hinderlich und geht ein zu großes Risiko ein, wenn er sich selbst ans Steuer setzt. Denkbar sind eventuell noch Mensch-Maschine-Kombinationen, von der beide Seiten profitieren können. Ich gehe davon aus, dass wir vor einem grundlegenden Wandel stehen.

Das Gespräch führte Andreas Braun.

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