Seitenueberschrift

Interview

Lutz Karpowitz

Lutz Karpowitz, Commerzbank

"Währungsabwertungen sind nur ein Strohfeuer"

Stand: 23.03.2016, 14:04 Uhr

Weltweit werten Staaten ihre Währungen ab, um ihrer Wirtschaft Vorteile zu verschaffen. Aber funktionert das auf Dauer? boerse.ARD.de sprach mit dem Commerzbank-Währungsexperten Lutz Karpowitz.

boerse.ARD.de: Die ganze Welt scheint mittlerweile dabei zu sein, ihre eigenen Währungen gegenüber dem US-Dollar abzuwerten, um wettbewerbsfähiger zu werden. Das trifft besonders auf die Schwellenländer zu. Kann der Wechselkurstrick funktionieren und wo liegen ihrer Meinung nach Chancen und Risiken?

Lutz Karpowitz: Man muss zwei Ebenen unterscheiden, auf denen sich das abspielt. Zum einen die Schwellenländer wie etwa Ägypten, Brasilien oder Südafrika. Hier versuchen die Notenbanken tendenziell schon zu bremsen. Aber sie schaffen es meist nicht, sich dem Abwertungsdruck ihrer Währungen erfolgreich entgegenzustellen. Denn deren Währungsreserven sind begrenzt und der Markt fragt sich natürlich, wie lange sie reichen.

boerse.ARD.de: Aber die Abwertung der Währung würde diesen Ländern doch einen Handelsvorteil bringen. Auch wenn die Notenbanken natürlich den Totalabsturz ihrer eigenen Währung verhindern wollen und müssen.

Karpowitz: Genau da liegt der Knackpunkt. Denn die Idee, über eine geschwächte Währung die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen geht, wenn überhaupt, nur kurzfristig auf. Nehmen Sie zum Beispiel die langjährige Beziehung zwischen Italien und Deutschland, oder der ölexportierenden Länder.

Wenn deren Binnenwährung, in Italien früher die Lira oder in Russland der Rubel, schwach bleiben, mag die Rechnung zunächst aufgehen. Aber im Inland zieht bei schwacher Währung unvermeidlich die Inflation an, wie in Russland zu sehen. Untersuchungen zeigen zudem, dass der positive Wechselkurseffekt weit weniger wiegt als die Inflationsausweitung.

Anders ausgedrückt, nominell mag die Rechnung aufgehen, real, also unter Berücksichtigung der negativen Inflationseffekte, sieht sie für das Starkwährungsland besser aus. Deutschland war schließlich trotz hoher D-Mark Exportweltmeister, nicht Italien. Zudem hatten die deutschen Unternehmen, wie auch die in der Schweiz, lange Jahre Zeit, sich auf diese Relationen einzustellen und haben sich immer effizienter aufgestellt. Die Schweiz kann daher den jüngsten Frankenschock verkraften, er hätte aber nicht so plötzlich kommen dürfen. Währungsabwertungen sind also nur ein (nominelles) Strohfeuer.

boerse.ARD.de: Aber auch in Bezug auf die entwickelten Staaten ist trotz dieser Wirkungszusammenhänge immer mal wieder von einem Währungskrieg die Rede. Klingt das nicht bedrohlich?

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,0976
Differenz absolut
-0,00
Differenz relativ
-0,44%

Karpowitz: Die US-Notenbank Fed hat erstmals im vergangenen Jahr Wechselkursrisiken angesprochen und ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, dass der Dollar zu stark wird. Zuvor waren ja Szenarien einer Dollar-Aufwertung bis hin zur Parität mit dem Euro im Markt. In dem Maße, in dem die Fed jetzt die Wechselkurse berücksichtigt, funktioniert das nicht mehr, denn die Marktteilnehmer werden bei so einem Zielsystem natürlich vorsichtiger.

boerse.ARD.de: Ein fester Euro würde aber der EZB überhaupt nicht passen.

Karpowitz: Das stimmt. Offiziell wird Mario Draghi, wie auch die anderen G20-Staaten, das so aber nicht formulieren, auch wenn eine schwächere Währung auf dem Weg zu mehr Inflation sicher hilfreich wäre. Die EZB versucht derzeit mit ihrer Geldpolitik Inflation zu erzeugen, was dann auch den Euro schwächen würde.

Das gelingt ihr aber nicht, denn die Kombination aus Negativzins und QE-Programmen belastet das Bankensystem und verteuert damit die Kreditvergabe. Die gewünschten Effekte stellen sich damit nicht ein. Zudem kommt das viele Geld nicht in der Realwirtschaft an.

boerse.ARD.de: Diesen Wirkungszusammenhang müssen Sie uns näher erläutern.

Karpowitz: Die Überschussreserve im Bankensektor, auf europäischer Ebene derzeit bei rund 700 Milliarden Euro, wird von jeder Bank zunächst mal als eigene Assetklasse angesehen. Bei 0,4 Prozent Strafzinsen sind das also 2,8 Milliarden Euro Kosten für das gesamte Bankensystem. Entgehen könnte man dem nur, wenn man entweder Bargeld hortet oder, wie von Herrn Draghi gewünscht, als Kredit vergibt.

Kredite werden aber nicht entsprechend nachgefragt, sonst hätten die Banken das ja schon längst gemacht. Hier behindert auch die zunehmende Regulierung. Indem Herr Draghi die Strafzinsen immer mehr erhöht, unterstellt er den Banken ja, dass sie nicht rational arbeiten/gearbeitet haben. Gleichzeitig kauft die EZB selbst massiv Bonds, verknappt das Angebot also und erhöht dadurch die Preise für diese Papiere. Irgendwann wird dann die Überschussreserve für die Banken wieder günstiger als die überteuerten Bonds. In Summe bliebt das Geld also im Bankensystem und belastet. Inflation Fehlanzeige und der Euro wird als Nebeneffekt auch nicht schwächer.

boerse.ARD.de: Von Europa nach China. Hier hat die Notenbank ja im vergangenen Sommer die Landeswährung Renminbi abgewertet und für ein Erdbeben an der Börse gesorgt. Glauben Sie, dass weiter Risiken dieser Art zu erwarten sind?

Karpowitz: In China zeigt sich immer mehr, dass die Zentralregierung die Dinge weniger gut steuern kann, als ihr zugetraut wird. Das zeigt nicht nur das jüngste Aktiendesaster zu Jahresbeginn mit widersinnigen rigiden Vorschriften zu Kauf- und Verkaufsbeschränkungen.

Auch in der Währungspolitik gehen Chinas Politiker nach dem gleichen Strickmuster vor. Die Mächtigen akzeptieren die Marktwirtschaft nur dann, wenn sie bitte schön die von ihnen gewünschten Ergebnisse liefert. Etwas anderes sind die Kader gar nicht gewohnt, wenn sie ihre weitreichenden Entscheidungen treffen.

boerse.ARD.de: Die Pepole's Bank of China tickt also anders als ihre Pendants?

Karpowitz: Das kann man so sehen, die Mächtigen haben die Folgen ihrer Handlungen unterschätzt. Denn das primäre Ziel ihrer "Geldpolitik" ist es , den Kapitalabfluss aus dem Land abzuschwächen oder zu verhindern. Chinesen neigen dazu, ihr Geld im Ausland anzulegen. Wenn die Landeswährung Renminbi dann auch noch fällt, verstärkt sich dieser Trend. Trotz insgesamt positiver Leistungsbilanz müssen dirigistische Maßnahmen, wie die Änderung der Bandbreiten für Wechselkursparitäten im Sommer 2015 wieder abgeschwächt werden, etwa durch die stärkere Berücksichtigung von Währungskörben.

Aktuell setzt China, dass von 2008 bis 2014 trotz aller Anzeichen einer Abschwächung der Weltwirtschaft weiter Überkapazitäten aufgebaut hat, unter anderem auch seine immer noch enorm hohen Devisenreserven von 3,2 Billionen Dollar ein.

boerse.ARD.de: Wie sieht es mit der Verschuldung in Dollar aus? Bei einem starken Dollar könnte dies eine weitere offene Flanke werden und auch Anleihen ausfallen. Droht womöglich eine neue Asienkrise?

Karpowitz: Das Verschuldungsproblem haben die Kreditnehmer schon immer gehabt und werden es weiter haben. Natürlich können immer mal auch Unternehmensanleihen ausfallen, aber ein systemisches Risiko sehe ich nicht. Denn noch können die Leistungsbilanzen finanziert werden und in China werden die Banken gestützt.

Das Gespräch führte Robert Minde.

Darstellung: