Seitenueberschrift

Russland in der Rezession

Ein Mann zählt russische Rubelscheine

Big Mac statt Wodka

Rollt der Rubel 2016 wieder?

von Bettina Seidl

Stand: 13.01.2016, 13:23 Uhr

Zu feiern haben die Russen schon lang nicht mehr. Die Wirtschaft liegt am Boden, der Rubel auch, die Inflation ist irrsinnig hoch. Wenn der Ölpreis aber wieder steigt, rollt auch der Rubel wieder. Wird 2016 das Jahr des Comebacks? Können die Russen die Trendwende feiern?

Eigentlich sind die Russen als außerordentlich feierfreudiges Völkchen bekannt. Gerade haben sie ihren alljährlichen "Feier-Exess" hinter sich gebracht, wie die russische Tageszeitung "Iswestija" einst den winterlichen Pflichturlaub nannte. Die Tage vom 1. bis 8. Januar sind nämlich gesetzlich verordnete Feiertage. Arbeiten ist den rund 143 Millionen Russen dann nur in Ausnahmefällen erlaubt. In diesem Jahr war sogar bis zum 12. Januar arbeitsfrei.

Doch Stillstand bringt Verluste. Jeder arbeitsfreie Tag kostet das Land rund 140 Milliarden Rubel am Tag, errechnete die Beraterfirma FBK Grand Thorton beispielsweise für das Jahr 2010. Das waren damals 3,4 Milliarden Euro. Für 2014 setzte die Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" für die Feiertage eine Billion Rubel Verlust an - umgerechnet rund 12,3 Milliarden Euro - und das bei einem Bruttoinlandsprodukt von 71,4 Billionen Rubel im gleichen Jahr.

Russland verordnet Milliarden-Sparkurs

Dabei kann sich die russische Wirtschaft gar keine Ruhepause leisten. Sie steckt tief in der Rezession, vor allem wegen des Ölpreisverfalls, aber auch wegen der vom Westen wegen der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen. Die russische Zentralbank hat bereits prognostiziert, dass die russische Wirtschaft bei weiter sinkenden Ölpreisen weiter schrumpfen wird.

Die Regierung hat die Bevölkerung schon auf notwendige Sparmaßnahmen vorbereitet. Der gerade erst verabschiedete Haushalt für 2016 soll um zehn Prozent gekürzt werden. 700 Milliarden Rubel (etwa 8,4 Milliarden Euro) müssen eingespart werden. Dabei war der Haushalt eigentlich schon veraltet, als er Mitte Dezember verkündet wurde. Als Präsident Putin auf der Jahrespressekonferenz erklärte: Die Talsohle sei durchschritten, die Wirtschaft werde nun 2016 wieder um 0,7 Prozent wachsen. Denn er schränkte da schon ein: Basis der Berechnungen sei ein Ölpreis von 50 Dollar pro Fass. Zu einer Zeit, als der Ölpreis schon bei 39 Dollar lag. Und inzwischen nähert sich Russlands Exportschlager den 30 Dollar. Vielleicht wollte er den Russen das Weihnachtsfest nicht vermiesen.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
49,66
Differenz absolut
0,45
Differenz relativ
+0,92%
Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
49,59
Differenz absolut
0,34
Differenz relativ
+0,69%

Keine Trendwende in Sicht

Nach einer Rückkehr der Feierlaune sieht es noch länger nicht aus. Im Gegenteil: Die Krise könnte sich noch verschärfen. Sollte der Ölpreis weiter fallen, würde die Wirtschaftsleistung um drei Prozent schrumpfen, warnte das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung.

Der russische Staat ist vom Öl fundamental abhängig. Etwa die Hälfte der Staatseinnahmen stammen aus Steuern des Öl- und Erdgassektors. Entsprechend setzen die immer schneller fallenden Ölpreise dem Haushalt immer härter zu. Schon im vergangenen Jahr hatten die Ministerien Kürzungen in Höhe von zehn Prozent zugesagt. Allerdings beliefen sich die Einsparungen insgesamt nur auf etwa 300 Milliarden Rubel, nachdem in einem überarbeiteten Haushalt im April neue Ausgaben genehmigt wurden.

Rubel im Tiefgang

Wenig verwunderlich, dass den sonst ausgabefreudigen Russen das Geld nicht mehr so locker in der Tasche sitzt. Sie kalkulierten ihre Festtagseinkäufe und Geschenke sparsamer. Nach dem alljährlichen Kaufrausch, der sonst am Jahresanfang in den Einkaufszentren der Großstädte ausbricht, sieht es diesmal nicht aus: Einer Umfrage zufolge rechnen die Russen damit, dass ihre Kaufkraft im Jahr 2016 um 16 Prozent sinken wird. An Urlaubsreisen ist trotz der langen Freizeit ohnehin nur für die Oberschicht zu denken. Die Buchungen für Auslandsflüge gingen in den freien Wintertagen um rund ein Drittel zurück - schließlich kommt im Ausland noch der schwache Rubel erschwerend hinzu.

Der Rubel ist gleich am ersten Handelstag nach den zehn Feiertagen wegen des niedrigen Ölpreises weiter abgesackt. Zuletzt mussten über 82 Rubel für einen Euro gezahlt werden. Anfang 2014 reichten noch 45 Rubel je Euro. Für einen Dollar werden rund 76 Rubel gezahlt. Finanzminister Anton Siluanow sagte, falls der Ölpreis auf 30 Dollar falle, müsse er zu neuen Sparmaßnahmen greifen. Viel fehlt also nicht mehr.

Wenn der Rubel wieder rollt

Allerdings gibt es durchaus auch positivere Ausblicks-Szenarien. Sollte nämlich der Ölpreis wieder steigen, dürfte die russische Wirtschaft erstarken, und damit auch die russische Währung. Der Rubel könnte bis Ende 2016 um rund ein Fünftel zulegen, so sagt es zumindest die Schar der Analysten voraus, die im Schnitt einen Kurs von 68 Rubel für den Euro in zwölf Monaten prognostizieren.

Entsprechend groß ist das Aufholpotenzial. Auch weltweite Enttäuschungen über den Kurs der US-Notenbank Fed könnten nach Analsteneinschätzung dem Rubel Aufwind geben.

Big Mac-Index: 70 Prozent Rubel-Potenzial

Der so genannte "Big Mac"-Index bescheinigt dem Rubel sogar noch mehr Potenzial. Die russische Währung ist um 70 Prozent unterbewertet, stellte das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" fest, das den Index berechnet.

Der Index vegleicht die Kaufkraft von Verbrauchern weltweit - anhand der Preise für den Burger in den einzelnen Ländern. Auf diesere Basis ermitteln Volkswirte die Unter- und Überbewertugnen der verschiedenen Währungen. Laut "The Economist" müssen für einen Big Mac in den USA 4,93 US-Dollar gezahlt werden. In Russland kostet er nur 1,53 Dollar. Das heißt, man kann für fünf Dollar in Russland drei Big Macs kaufen.

Laut der Big Mac-Volkswirte müsste ein US-Dollar nicht knapp 76, sondern 23,12 Rubel kosten. Damit könnten die Russen wieder gut prassen, feiern und reisen. Momentan bleibt es aber bei Big Mac statt Wodka.

Darstellung: