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Brexit-Schriftzug

Brexit-Angst sorgt für Sieben-Jahres-Tief

Panikstimmung beim britischen Pfund

Stand: 24.02.2016, 14:24 Uhr

Die Brexit-Sorgen nehmen Überhand. Das britische Pfund geht deshalb immer weiter in die Knie. Vier Monate sind es noch bis zum Referendum, doch die Finanzmärkte tun schon jetzt, als sei der Austritt Großbritanniens aus der EU besiegelt. Das zieht auch den Euro abwärts.

Das britische Pfund fällt immer tiefer. Trotz der Einigung auf ein EU-Reformpaket wird inzwischen die Wahrscheinlichkeit für einen Austritt Großbritanniens aus der EU wieder höher eingeschätzt. Denn das Lager der Brexit-Befürworter hat einen prominenten Zuwachs bekommen: den einflussreichen Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

Cameron, der die Bürger am 23. Juni in einem Volksentscheid abstimmen lassen will, hatte zuvor um die Stimme Johnsons geworben. "Aus unserer Sicht erhöht sich durch diese prominente Unterstützung das Risiko eines "Brexit", urteilen die Ökonomen der BayernLB. Die starken Verluste des Pfund zeigen zudem: Finanzmärkte mögen gewiss keine schlechten Nachrichten. Was sie aber scheuen wie der Teufel das Weihwasser, ist Ungewissheit. Und die Unsicherheit, wie das Referendum ausgeht, ist groß. Groß auch die Unsicherheit, wie sich ein etwaiger EU-Austritt auf die Wirtschaft auswirkt.

Das britische Analysehaus Capital Economics zieht einen Vergleich zum letztlich gescheiterten Versuch Schottlands, sich von Großbritannien loszusagen. Auch damals, im Jahr 2014, war das Pfund immer dann unter Druck geraten, wenn ein Verbleib Schottlands unsicherer wurde.

Schlechteste G10-Währung

Britisches Pfund in Euro: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Die Stimmung scheint sich gerade mehr Richtung Brexit zu neigen. Seinen Ministern hatte der Premier freigestellt, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Sechs Minister, darunter Justizminister Michael Gove, erklärten daraufhin, sich für einen Brexit einzusetzen.

Für die britische Währung wäre das Gift. Investoren ergreifen vorsichtshalber schon jetzt die Flucht. Seit Wochen verliert die britische Währung, seit Anfang November hat das Pfund unter den G10-Währungen am schlechtesten abgeschnitten. Es verlor rund elf Prozent, von 1,4296 Euro auf nunmehr 1,2662 Euro. So schwach war das Pfund zuletzt Ende 2014.

Zum Dollar auf Sieben-Jahres-Tief

Doch auch der Euro hat zu kämpfen. Deshalb ist das Pfund im Vergleich zum US-Dollar noch deutlich schwächer auf der Brust. Es kostet inzwischen unter 1,39 Dollar - ein Sieben-Jahres-Tief. "Das Pfund Sterling hat in den vergangenen beiden Monaten gerade seine höchste Abwertung gegenüber dem US-Dollar seit Ende 2008 – dem Höhepunkt der Finanzkrise – erlebt", heißt es vom Vermögensverwalter Schroders. Neben dem Einfluss der Brexit-Gefahr gibt es noch einige Gründe mehr.

"Infolge der überbordenden Verschuldung der Wirtschaft durch ihr Doppeldefizit war die Währung schon immer anfällig für eine Korrektur", so Schroders. Zudem hätten sich die Erwartungen der ersten Zinserhöhung nach hinten verschoben. Denn Anleger hielten ein Sinken der Zinsen 2016 jetzt für wahrscheinlicher als eine Erhöhung, was nicht förderlich sei.

Wie weit fällt das Pfund?

Es könnte noch schlimmer kommen, sollten tatsächlich für den EU-Austritt stimmen. Eine Phase großer Unsicherheit würde folgen, warnte Frederik Ducrozet von Pictet Wealth Management. Die Investoren könnten in Panik verfallen, weil erst einmal nicht klar sei, wie die künftige Beziehung zur EU dann aussehen werde. Die Experten der Großbank HSBC, einer der Hauptakteure im Pfund-Handel, sagten bei einem Votum für den "Brexit" eine Abwertung der britischen Währung um 15 Prozent voraus. Das Wirtschaftswachstum würde 2017 um 1,5 Prozentpunkte niedriger ausfallen als bei einem Verbleib der Briten in der EU.

Die Analysten der US-Großbank Goldman Sachs halten sogar einen Einbruch von bis zu 20 Prozent prophezeit. Auch Niall Delventhal vom Brokerhaus FXCM sieht schwere Zeiten auf die britische Währung zukommen: "Die konjunkturelle Last, die der Austritt aus der EU mit sich bringen würde, wäre ein harter Schlag für das Pfund."

Nur zu Krisenzeiten sei die britische Währung so schwach gewesen, sagt Antje Praefcke von der Commerzbank. Die Debatte über den "Brexit" reihe sich aus Währungssicht nahtlos in die Finanzkrise oder in das Platzen der Internet-Blase am Aktienmarkt zu Beginn des Jahrtausends ein.

Wie viel Risiko birgt der Brexit?

"Die Entwicklung der Brexit-Risikoprämie wird in nächster Zeit von der Entwicklung der Umfragen abhängen", erwartet Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte von der Commerzbank. Die Meinungsumfragen sehen derzeit die Brexit-Befürworter leicht vorn. Laut dem Institut TNS sprechen sich 36 Prozent für einen "Brexit" aus, 34 Prozent aber wollen in der EU. "Die Umfragen dürften aber weit weniger von Zugeständnissen aus Brüssel für den Fall eines Verbleibs der Briten getrieben werden, als vielmehr von der Wahrnehmung der Risiken eines Brexit."

Cameron und die übrigen Staats- und Regierungschefs der EU hatten sich am Freitagabend nach 18-stündigen Verhandlungen in Brüssel auf ein Reformpaket verständigt, mit dem ein Brexit verhindert werden soll. Das wäre tendenziell positiv gewesen - hätten sich nicht so viele bekannte Stimmen für den Brexit ausgesprochen.

Wie stark würde die Wirtschaft leiden?

Durch den Verlust des uneingeschränkten Zugangs zum EU-Binnenmarkt dürften unter anderem die regen Handelsbeziehungen behindert werden, die Großbritannien mit den anderen EU-Staaten besitze, warnte die DZ-Bank in einer Studie. Ein EU-Ausscheiden wäre alles andere als ein Selbstläufer. Die Briten müssten ihre Beziehungen zu Europa neu aushandeln, was mehrere Jahre dauern dürfte, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz.

Dies würde mit hoher wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit einhergehen und das Wirtschaftswachstum belasten. Denn nicht nur die Finanzmärkte, auch Verbraucher und Unternehmen reagieren empfindlich auf Ungewissheit. In der Regel gehen dann ihre Konsumausgaben und Investitionen zurück, was das Wachstum drückt.

bs

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