Größer werdende Eurozeichen und Aufwärtspfeil, davor Dollarzeichen

Marke von 1,20 Dollar rückt näher Euro wird immer stärker

Stand: 28.08.2017, 19:36 Uhr

Schlecht für die deutschen Exportunternehmen, gut für deutsche Urlauber: Der Euro steigt weiter. Jetzt nähert er sich einem Kurs von 1,20 Dollar. EZB-Chef Draghi hat seinen Anteil daran.

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Seit einem halben Jahr wird der Euro immer stärker. Am Montag kletterte die europäische Währung bis auf 1,1984 Dollar und damit auf den höchsten Stand seit Anfang 2015. Devisenexperten wie etwa Ulrich Wortberg von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) erwarten eine weitere Kletterpartie in den kommenden Handelstagen. Wortberg sieht bei der Gemeinschaftswährung einen "intakten Aufwärtstrendkanal".

Vor sechs Monaten hatte sich der Kurs noch in Richtung Parität - also Richtung eines Kurses von 1 Dollar bewegt. Einige Experten wie die Analysten der Deutschen Bank und Goldman Sachs hatten ihn wegen der Probleme in der Eurozone und der Zinswende in den USA sogar auf Kurs zu Notierungen deutlich unter dieser Marke gesehen. Seit dem Mehrjahrestief von Anfang Januar von 1,0341 Dollar ging es für den Euro stattdessen stetig aufwärts. Seit Jahresbeginn hat die Währung bereits rund 15 Prozent an Wert gewonnen.

Spekulanten kalt erwischt

Der jüngste Höhenflug geht auf das Konto von EZB-Präsident Mario Draghi. Nicht durch das, was er auf dem Notenbanktreffen in Jackson Hole sagte. Entscheidend war, dass er nichts sagte, um gegen den jüngsten Euro-Höhenflug, der die europäischen Exportunternehmen belastet, zu steuern.

Einige Investoren hatten darauf gesetzt, dass Draghi sich kritischer zur jüngsten Euro-Aufwertung äußern würde und der Euro entsprechend fallen würde. Doch das tat er nicht, so dass einige Anleger auf dem falschen Fuß erwischt wurden und schnell in den Euro investieren mussten. Man spricht dann von einem Short-Squeeze im Euro/Dollar. Der beförderte die Gemeinschaftswährung am Wochenende bis auf Zweieinhalb-Jahres-Hoch. Vor Jackson Hole hatte der Euro noch bei 1,18 Dollar gelegen.

Warum ist der Euro so stark?

Die Gründe für den starken Euro sind vielfältig. Das Polit-Chaos in den USA lässt Investoren eher Richtung Euro-Raum tendieren. Das sorgt für Druck auf den Dollar, was den Euro im Gegenzug steigen lässt.

Noch dazu brummt die Euro-Wirtschaft. Im Frühjahr legte das Wachstum sogar noch zu, der Außenhandel nahm im ersten Halbjahr an Fahrt auf. Entsprechend gut ist die Stimmung der Unternehmen und Verbraucher. "Der Konjunkturmotor läuft rund", sagt Christian Lips, Experte bei der Landesbank Nord/LB. Nicht zuletzt haben die Probleme in der Eurozone abgenommen. Seit der Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten sorgt man sich weniger um die politische Zukunft Europas.

Und schließlich ist auch in Europa ein Ende der Krisen-Geldpolitik absehbar. Nachdem die EZB über Jahre ihre Geldpolitik immer weiter gelockert und damit - quasi als Nebenwirkung - eine enorme Euro-Geldflut verursacht hatte, diskutieren die Notenbanker inzwischen über den Exit. Das dürfte im ersten Schritt eine Reduzierung der Wertpapierkäufe bedeuten und damit auch der Geldschwemme.

Was ist so schlimm am starken Euro?

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Die Exportwirtschaft ist gar nicht zufrieden mit einem starken Euro. Denn Exportprodukte aus den Euroländern werden in anderen Währungen gerechnet teurer, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit von Euro-Unternehmen sinkt. Entsprechend empfindlich reagiert auch die Börse auf die Euro-Stärke. Der Dax musste heute Verluste einstecken.

Die Euro-Stärke alarmiert inzwischen auch die EZB. Bei ihrer jüngsten Zinssitzung diskutierten die Währungshüter über die Gefahr eines zu stark steigenden Euro, der durch die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr gerechtfertigt wäre. Dies würde es den Notenbankern schwerer machen, ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu erreichen, weil die Importpreise sinken würden.

Noch zeigt sich die Wirtschaft vom starken Euro aber unbeeindruckt. Im August haben die Industrieunternehmen im Euroraum dem Forschungsinstitut Markit zufolge sogar den stärksten Zuwachs an Exportaufträgen seit sechseinhalb Jahren verzeichnet. "Die Industrie zeigt Widerstandskraft gegen die Euro-Stärke", sagt Tullia Bucco, Expertin bei der Bank Unicredit. Die Frage ist nur, wie lange noch, sofern der Höhenflug der Gemeinschaftswährung anhalten sollte.

Was ist gut am starken Euro?

Natürlich hat der starke Euro auch Vorteile. Während die Exporte leiden, profitieren die Importe. Sie werden billiger. Das kommt den Deutschen zugute, Verbrauchern wie Unternehmen. Beispielsweise wird Rohöl für uns günstiger, wir spüren es beim Tanken oder Heizen.

Das gleiche gilt für Urlaub in einem Nicht-Euro-Land - insbesondere in den USA. Dort bekommen Urlauber mehr für ihren Euro.

Was machen die Hüter des Euro jetzt?

Die Schwierigkeit für die Währungshüter ist, den Exit aus der Krisen-Geldpolitik ohne Verwerfungen an den Finanzmärkten hinzubekommen. Wie empfindlich die Anleger schon auf die leisesten Signale reagieren, zeigte sich zuletzt im portugiesischen Sintra, als EZB-Chef Draghi sich sehr zuversichtlich zur Euro-Wirtschaft geäußert und die jüngste Schwäche bei der Inflation als vorübergehend bezeichnet hatte. Eigentlich recht vorsichtige Worte. Dennoch legte der Euro rasant zu.

Es sei fraglich, ob die Finanzmärkte und letztlich auch die Weltwirtschaft einer Normalisierung der Geldpolitik ohne größere Verwerfungen standhalten würden, sagt Eugen Keller, Experte beim Bankhaus Metzler. "Eine gesunde Portion Skepsis bleibt, denn unter der Oberfläche sind die Nachwehen der jüngsten Finanzkrise noch immer spürbar."

Laut Ulrich Wortberg von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) war Draghis jüngstes Schweigen hinsichtlich der Euro-Aufwertung "bemerkenswert". Allerdings sei nicht davon auszugehen, dass der EZB-Präsident eine weitere Euro-Aufwertung tolerieren werde, sagte Leuchtmann weiter. Bei der nächsten EZB-Pressekonferenz im September habe Draghi Zeit und Gelegenheit, sich zur Wechselkursentwicklung zu äußern.

bs

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