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Devisen

Euros auf EU-Flagge

Fernziel Dollar-Parität?

Euro im Draghi-Sog

Stand: 02.03.2016, 14:46 Uhr

Der Euro erleidet einen Schwächeanfall nach dem anderen. Es gilt als gesetzt, dass die Europäische Zentralbank nächste Woche die Geldschleusen noch weiter öffnet. Die Inflation springt einfach nicht an. Auch der Blick gen USA schwächt den Euro.

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Der Euro hat seit Mitte Februar wieder kräftig Federn lassen müssen. Inzwischen liegt er bei 1,0850 Dollar, nachdem er vor knapp drei Wochen noch 1,1376 Dollar kostete. EZB-Chef Mario Draghi hat großen Anteil daran. Er ließ durchblicken: Die Zentralbank werde nicht zögern, ihre Geldpolitik weiter zu lockern, falls nötig.

Dass dies in der Tat nötig werden könnte, zeigten die jüngsten Inflationsaussichten für den Euroraum, die sich immer weiter abschwächen. So sind die Verbraucherpreise im Februar erstmals seit Monaten wieder gesunken. Die Lebenshaltungskosten in den 19 Ländern der Währungsunion gingen um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vormonat zurück. Vor allem die stark gesunkenen Energiekosten, die um acht Prozent fielen, sorgen dafür, dass die EZB ihr selbstgestecktes Inflationsziel von 2,00 Prozent in weiter Ferne sieht. Es dürfte nun das dritte Jahr in Folge verfehlt werden. Da wird am Finanzmarkt das Deflationsgespenst wieder gesichtet. Zudem trübten sich laut der jüngsten Konjunkturdaten die Wachstumsperspektiven in der Eurozone ein.

Kauft die EZB noch mehr Anleihen?

Daher dürfte die EZB ihre Wachstums- und Inflationsprognosen stark nach unten revidieren. Zugleich gilt es als gesetzt, dass die EZB die Geldschleusen noch etwas weiter öffnet. Am Markt hofft man, dass sie es nicht nur bei einer Senkung des Einlagenzinses belässt. Der ist ohnehin schon bei minus 0,3 Prozent liegt. Erwartet wird ein Absenken um 10 bis 20 Basispunkte. Das bedeutet, Banken müssen noch höhere Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht Geld bei der EZB parken. Das Kalkül der EZB ist, dass die Banken dann doch lieber der Wirtschaft mehr Geld in Form von Krediten zur Verfügung stellen.

Am Markt hofft man zudem, dass die Notenbank das monatliche Volumen der Anleihenkäufe ausweitet. Viele Branchen profitieren von der ultralockeren Geldpolitik.

Banken üben Kritik am EZB-Kurs

Nicht so die Finanzbranche. Zuletzt hagelte es von Bankenseite kritische Stimmen: Denn durch das Niedrigzinsumfeld fällt es manchen Instituten zunehmend schwer, im klassischen Zinsgeschäft ausreichend Gewinne zu schreiben. Nach Einschätzung des Deutsche Bank-Chefs John Cryan sind Geldhäuser beispielsweise durch die negativen Einlagenzinsen gezwungen, Kredite teurer zu machen. Er sei deshalb der Ansicht, dass eine normalere Zinspolitik hilfreicher wäre.

Die EZB gab postwendend für Antwort: EZB-Direktor Benoit Coeuré sagte, die Politik der Europäischen Zentralbank sei entscheidend, um für mehr Wachstum in der Euro-Zone zu sorgen, sagte Coeuré am Mittwoch auf einer Veranstaltung in Frankfurt. Diejenigen, die nach einer weniger konjunkturfördernden Geldpolitik rufen, sollten sich fragen, welche Folgen es unter anderem für die Kreditvergabe der Banken habe, wenn die Produktion stagniere und die Preise fielen.

Deutsche Bank prognostiziert Parität

Der EZB-Kurs bleibt nicht folgenlos für den Euro-Kurs. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass die europäische Währung bis Ende des Quartals auf 1,05 Dollar sinken und im Jahresverlauf die Parität zum Greenback erreichen wird.

"Wir rechnen mit Sicherheit mit einer lockeren Politik der EZB", sagt Alan Ruskin, weltweiter Co-Chef für Devisenanalyse in New York bei der Deutschen Bank, dem weltweit zweitgrößten Devisenhändler. "Die Divergenz-Story besteht weiterhin", fügte er mit Blick auf die auseinandergehenden Notenbankhaltungen von EZB und Federal Reserve hinzu.

Die Divergenzstory neu belebt

Während die EZB weiter die Geldschleusen öffnet, befindet sich die amerikanische Notenbank auf dem umgekehrten Kurs. Die Fantasien hinsichtlich weiterer Zinsanhebungen in den USA mehren sich. Das lockt tendenziell mehr Investoren in den Dollar-Raum und weg vom Euro-Raum: stärkt also den Dollar und schwächt den Euro.

US-Konjunktursorgen waren übertrieben

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 3 Monate
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Nur vorübergehend hatten Marktteilnehmer hinter die Divergenzstory ein Fragezeichen gesetzt aufgrund enttäuschender Konjunkturdaten. Das gab dem Euro vorübergehend Auftrieb. Man ging aufgrund einer schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung in den USA und der weltweit schwächelnden Konjunktur davon aus, dass die Fed weitere Zinserhöhungen erst einmal hinten anstellen würde. Doch jetzt scheint es, als waren die Konjunktursorgen übertrieben. Der heute veröffentlichte Arbeitsmarktbericht des privaten Arbeitsvermittlers ADP signalisiert jedenfalls eine robstere Verfassung der US-Wirtschaft. Im Februar wurden 214.000 Stellen geschaffen, wohingegen die allgemeine Markterwartung lediglich bei 190.000 neuen Jobs gelegen hatte.

Der am Abend anstehende Konjunkturbericht der US-Notenbank - das sogenannte Beige Book - dürfte aber ein gemischtes Bild liefern, prognostizieren die Analysten der Essener National-Bank. Konsum und Bautätigkeit entwickelten sich wohl weiter positiv. "Die Industrie dürfte dagegen immer noch unter Schwäche leiden."

bs

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