Börsenteil einer Zeitung mit einer Lupe über dem Kapitel Anleihen

Anleihen mit sehr langer Laufzeit Marathonläufer: Nichts für Privatanleger

Stand: 08.05.2017, 13:37 Uhr

In Frankreich oder in Spanien gibt es sie schon länger: Anleihen mit Laufzeiten von 50 Jahren und mehr. Auch die Anleihen mancher Unternehmen sind Marathonläufer. Dabei bergen die Papiere eine ganze Reihe von Risiken.

Aus Sicht der Emittenten, also der Schuldner, ist die Versuchung groß, von den derzeit sehr niedrigen Renditen zu profitieren und Papiere mit längeren Laufzeiten als den üblichen 30 Jahren aufzulegen. So denkt etwa der amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin an die Ausgabe solcher Papiere.

Beschlossen ist noch nichts, aber am Anleihemarkt werden Mnuchins Gedankenspiele ernst genommen. Die Renditen langlaufender amerikanischer Staatsanleihen sind zuletzt stärker gestiegen als die Renditen von Papieren mit kurzen Laufzeiten. Sollte sich die US-Regierung zur Ausgabe solcher Papiere entscheiden, wäre sie nicht die erste. In den vergangenen Jahren wurden bereits zahlreiche Anleihen mit Laufzeiten zwischen 40 und 100 Jahren ausgegeben, und dies nicht nur von Schuldnern mit erstklassiger Bonität.

Anleihen überschuldeter Staaten

Im Gegenteil. So haben im vergangenen Jahr stark überschuldete Staaten wie Frankreich, Belgien, Irland und Spanien Anleihen mit Laufzeiten von 50 Jahren und mehr ausgegeben. Mexiko, China, die Philippinen oder der brasilianische Ölkonzern Petrobras haben gar Anleihen mit Laufzeiten von 100 Jahren begeben. In Europa haben die Unternehmen Bayer, Rabobank und GDF Suez solche Papiere platziert.

Die derzeitige Beliebtheit dieser als Marathonläufer bekannten Anleihen mit sehr langen Laufzeiten ist um so erstaunlicher, als solche Papiere mit erheblichen Risiken verbunden sind. Denn wer kann schon guten Gewissens Anleihen von Staaten kaufen, deren Schulden bereits vor Jahren den „point of no return“ überschritten haben?

Stehen Versicherungen dahinter?

Die "Financial Times" berichtet, die 100-jährigen Anleihen von Irland und Belgien seien auf Initiative des Käufers zustande gekommen. Vermutet wird, dass es sich dabei um einen europäischen Versicherer handelt. Solche Firmen seien, so die weitere Vermutung der Zeitung, aus regulatorischen Gründen an langlaufenden Anleihen interessiert, weil sie mit Anleihen guter Qualität keine ausreichenden Renditen erzielen. Irland zahlt „immerhin“ 2,35 Prozent auf die 100-Jährigen – aber immer noch weniger als die USA für 30-jährige Anleihen.

Während die Logik der Ausgabe von Anleihen mit sehr langen Laufzeiten in einem Niedrigzinsumfeld aus der Sicht der Schuldner offensichtlich erscheint, gibt es für Privatanleger eigentlich keinen Grund, Papiere mit sehr niedrigen Zinskupons über Jahrzehnte in die Depots zu legen.

Vorsicht vor Nachranganleihen

So gibt es natürlich keinerlei Gewissheit, dass Unternehmen wie Ford oder Bayer in hundert Jahren tatsächlich noch existieren. Oftmals handelt es sich dabei auch um Nachranganleihen. Im Falle einer Pleite bekämen die Anleger ihr Geld also erst zurück, nachdem alle anderen Gläubiger ausbezahlt wurden.

Bei Anleihen von Staaten wie Kanada ist ein Ausfall zwar unwahrscheinlicher. Aber auch Staaten können in Zahlungsprobleme geraten, wie das Beispiel Argentinien zeigt. Und wer glaubt schon, dass Länder wie Brasilien, Venezuela oder Griechenland ihre Schulden jemals zurückzahlen werden? Schmerzliche Erfahrungen mussten auch Käufer der 1946 begebenen ewigen Anleihe des englischen Staates machen. Mit 2,5 Prozent begeben, kollabierte der Kurs im Zuge der Inflation der 1970er Jahre: Die Anleger gingen komplett leer aus.

Unberechenbare Leitzinsen

Es ist eben grundsätzlich unmöglich, die Zukunft vorauszusehen - und schon gar nicht die Bonität eines Schuldners über ein halbes oder gar ein ganzes Jahrhundert lang abzuschätzen.

Hinzu kommt: Anders als bei einer Versicherung oder einem Pensionsfonds werden wohl nur die wenigsten Privatanleger die Anleihen tatsächlich bis zum Ende der Laufzeit halten - auch wenn die Papiere vererbt werden können. Wer aber vorzeitig verkauft, muss mit Verlusten rechnen: Da die Fälligkeit in weiter Ferne liegt, reagieren die Papiere deutlich stärker auf Marktveränderungen als kürzer laufende Papiere. Zudem werden die Papiere eher selten gehandelt, da Großinvestoren sie in der Regel nur zum Zeitpunkt der Emission erwerben. Es kann sogar passieren, dass sich kein Käufer für die Anleihe findet. Und das ist noch nicht alles: Mit Anleihen von Staaten außerhalb der Eurozone holen sich die Anleger auch noch ein Währungsrisiko ins Depot: Die mexikanische Staatsanleihe beispielsweise notiert in Dollar.

Noch gravierender ist jedoch ein ganz anderes Problem: Niemand weiß, wie sich die Leitzinsen in Europa und Amerika über Jahre und Jahrzehnte entwickeln werden. Sobald die Zinsen aber steigen, wie zuletzt in Amerika, werden Anleihen mit kürzeren Laufzeiten wieder attraktiver. Länger laufende Anleihen, die bereits auf dem Markt sind, verlieren dagegen an Wert.

Fazit: Von langlaufenden Anleihen sollten Privatanleger also die Finger lassen.

lg

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Die Produkte der Finanzagentur des Bundes finden reißenden Absatz – vor allem institutionelle Anleger schätzen die Sicherheit der Bundesanleihen. Für Privatanleger könnten die derzeit sechs ausstehenden inflationsindexierten Papiere zunehmend interessant werden. Bis April 2020 etwa läuft ein "Linker" (WKN 103052) mit einem Kupon von 1,75 Prozent. Allerdings errechnet sich derzeit bis zur Fälligkeit im Jahr 2020 eine negative Rendite von 1,47 Prozent.

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