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Interview

Michael Mewes, JPMorgan

Michael Mewes, JPMorgan AM

"Krise bei High-Yields löst keine Bankenkrise aus"

Stand: 12.02.2016, 17:43 Uhr

Der Anleihenexperte von JPMorgan AM, Michael Mewes, hält die derzeitigen Risikoprämien bei Hochzinsanleihen für übertrieben. Er glaubt nicht, dass die Verwerfungen am Markt zu einer neuen Bankenkrise führen.

boerse.ARD.de: Droht uns eine große Krise am Hochzinsanleihen-Markt?

Michael Mewes: Wir glauben nicht an die große Krise, die der Markt derzeit spielt. Wir erwarten nur eine kleine Krise am High-Yield-Markt.

boerse.ARD.de: Die Kurse der High-Yield-Anleihen von US-Energiefirmen sind seit Januar eingebrochen. Die Risikoprämien gegenüber US-Staatsanleihen sind auf ein Rekordhoch von 18,4 Prozentpunkten geklettert. Ist das ein Alarmzeichen?

Mewes: Ja, absolut. Durch den Ölpreisverfall sind einige Hochzinsanleihen aus dem Energie- und Minen-Sektor in Schwierigkeiten geraten. Folglich haben sich die Spreads deutlich ausgeweitet. Wir werden künftig sicherlich einen Anstieg der Ausfallquoten bei High-Yields im Energiebereich haben. Man sollte aber deshalb nicht die ganze Asset-Klasse verteufeln! Es gibt immer noch lukrative hoch verzinste Anleihen mit guten Ertragschancen.

boerse.ARD.de: Wie hoch sehen Sie die Ausfallrisiken bei Anleihen von Energie-Konzernen?

Mewes: Das lässt sich schwer beziffern. Wir können nur für den gesamten Markt der US-High-Yields sprechen. Hier sind die impliziten Ausfallrisiken auf acht Prozent bereits zum Jahresende 2015 gestiegen. Da ist viel Negatives schon eingepreist. Denn 2015 lag die tatsächliche Ausfallquote der Hochzinsanleihen in den USA bei gerade mal 1,8 Prozent.

boerse.ARD.de: Experten warnen vor einer Pleitewelle von Fracking-Unternehmen, die Anleihen ausgegeben haben. Jede dritte Firma im Öl- und Energiesektor könnte ausfallen, nimmt der Markt an. Teilen Sie die Einschätzung?

Mewes: Wir glauben nicht, dass der Ölpreis noch unter 20 US-Dollar fällt. Sollte sich der Angebotsüberhang durch eine Opec-Einigung bereinigen, werden wir eher wieder 40 bis 50 Dollar sehen. Die Pleitewelle dürfte deshalb nicht so dramatisch ausfallen wie befürchtet. Es wird sicherlich einige Energie-Explorateure geben, die Schwierigkeiten bekommen. Raffinerien hingegen dürften weniger Probleme haben.

boerse.ARD.de: Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für Banken, die in Energie-High-Yields investiert sind? Könnte die Krise bei US-High-Yields eine neue Bankenkrise auslösen?

Mewes: Alleine die Krise bei US-High-Yields wird keine Bankenkrise auslösen. Da müssen noch mehr negative Faktoren zusammen kommen. So sehen wir mit Sorge eine strukturelle Ertragsschwäche, die sich bei den europäischen Banken abzeichnet. Dennoch bleibt JPMorgan in europäischen Bankanleihen selektiv übergewichtet, vor allem in britischen und Schweizer Titeln.

boerse.ARD.de: Sie sagten jüngst, der Hochzinsanleihen-Markt hat in der Vergangenheit viele Krisen vorweggenommen, auf die die Börsen später reagierten. Können Sie das erklären?

Mewes: Die US-High-Yields haben seit August 2014 ihre Spreads ausgeweitet. Die Börse hat aber erst ein Jahr später nachgezogen. Das heißt: Der Bärenmarkt wurde im Segment der Hochzinsanleihen schon ein Jahr vorher eingeläutet.

boerse.ARD.de: Wie stark schwappt der Kursverfall bei US-High-Yields auf europäische Hochzinsanleihen über?

Mewes: Er ist schon übergeschwappt. Die Renditen europäischer Hochzinsanleihen sind auf sechs Prozent geklettert. Damit liegen sie zwar immer noch unter den Renditen von zehn Prozent für US-High-Yields. Allerdings ist in Europa die Zinskurve niedriger, die Bonität der Unternehmen höher und der Anteil an gefährdeten Sektoren wie der Öl- und Rohstoffbereich deutlich geringer. Klammert man diese Faktoren aus, sind die Risikoprämien in Europa adjustiert sogar etwas höher als in den USA.

boerse.ARD.de: Bevorzugen Sie daher momentan eher europäische Hochzins-Anleihen?

Mewes: Wir sind derzeit übergewichtet in europäischen High-Yields. Dabei favorisieren wir den Medien-, Auto- und Konsumbereich.

boerse.ARD.de: Lohnt sich also das Investment in Hochzinsanleihen noch?

Mewes: Anleger sollten sich bewusst sein, dass es bei Hochzinsanleihen hohe Risiken und hohe Ertragsschwankungen gibt. Wer das akzeptiert, hat große Ertragschancen.

Das Interview führte Notker Blechner.

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