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Interview

Brian Tomlinson, Fondsmanager, Allianz Global Investors

Anleiheexperte Brian Tomlinson

"Kein Grund zur Panik"

Stand: 21.10.2016, 15:14 Uhr

Ein Crash am Anleihemarkt ist nach Ansicht von Fondsmanager Brian Tomlinson von Allianz Global Investors derzeit nicht zu befürchten - zumindest nicht solange die EZB jeden Monat 80 Milliarden Euro in den Markt pumpt.

boerse.ARD.de: Bill Gross hat seinen Kunden geraten, auf einen Kurssturz deutscher Staatsanleihen zu wetten. Sind Sie seinem Vorschlag gefolgt?

Brian Tomlinson: Nein. Bei Allianz Global Investors haben wir eine andere Sicht. Solange die Europäische Zentralbank jeden Monat 80 Milliarden Euro ausgibt, um Anleihen zu kaufen, dürfte es an den Märkten für fest verzinsliche Papiere ruhig bleiben. Die Kurse sollten nicht signifikant einbrechen. Es gibt also keinen Grund zur Panik.

boerse.ARD.de: Trotzdem raten Sie ihren Kunden vom Kauf deutscher Staatsanleihen ab. Warum?

Umlaufrendite: Kursverlauf am Börsenplatz BUBA für den Zeitraum 3 Monate
Kurs
0,14
Differenz relativ
-6,67%

Tomlinson: Wir raten unseren Kunden, in Anleihen mit positiven Renditen zu investieren. Europäische Hochzinsanleihen bieten derzeit drei Prozent, amerikanische sogar sechs Prozent. Mit deutschen Staatsanleihen lässt sich derzeit gar nichts verdienen. Die Renditen sind sogar negativ für deutsche Staatsanleihen mit Fälligkeiten bis zu zehn Jahre.

boerse.ARD.de: Die Entwicklung hängt entscheidend von den Zentralbanken ab. Wie wird sich die EZB ihrer Meinung nach verhalten?

Tomlinson: Ich glaube, die EZB wird ihr monatliches Kaufprogramm über den März 2017 hinaus um sechs bis neun Monate verlängern. Bis dahin, also bis zum dritten Quartal 2017, dürfte es an den Anleihemärkten keine Verwerfungen geben.

boerse.ARD.de: Und was kommt danach?

Tomlinson: Entscheidend ist, wie die EZB ihr dann bevorstehendes Tapering kommuniziert. Dabei kann sie sich am Vorbild der amerikanischen Notenbank Fed orientieren, die ihr Kaufprogramm schrittweise zurückgefahren und diese Entscheidungen den Märkten stets klar mitgeteilt hat.

boerse.ARD.de: Stichwort Fed. Erwarten Sie eine Anhebung des Leitzinsen in Amerika noch in diesem Jahr und welche Auswirkungen hätte ein solcher Schritt für den Anleihemarkt?

Tomlinson: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung im Dezember liegt derzeit bei 70 Prozent. Sie ist im Markt schon fest eingepreist. Das zeigt der Anstieg des Dollar. Weil die Anleger einen solchen Zinssschritt antizipieren, erwarte ich keine Turbulenzen an den Märkten.

boerse.ARD.de: Und wie geht dann weiter?

Hillary Clinton und Donald Trump während der zweiten Fernsehdebatte

Hillary Clinton und Donald Trump. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Tomlinson: Die Fed wird danach sicherlich abwarten, was der neue US-Präsident für eine Fiskalpolitik anstrebt. Sollte Donald Trump gewinnen, ist eine weitere Anhebung des Leitzinses Mitte 2017 wahrscheinlicher als bei einem Wahlsieg von Hillary Clinton. Denn Trump will die Steuern senken, sowohl der Unternehmen als auch der Arbeitnehmer. Gleichzeitig soll der Staat mehr in die Infrastruktur investieren. Beide Maßnahmen würden den Konsum unterstützen und die gesamte Wirtschaft ankurbeln. Clinton lässt aktuell weniger US-marktunterstützende Maßnahmen erkennen. Bei einem Kurs, der das Wirtschaftswachstum nicht stimuliert, rechne ich nicht mit einer weiteren Zinsanhebung im kommenden Jahr.

boerse.ARD.de: Ist Trump also der bessere Kandidat für die Wirtschaft?

Tomlinson: Trump verspricht momentan mehr Entlastung für die US-Wirtschaft. Sollte er die Wahl gewinnen, könnte sich die allgemeine Unsicherheit zunächst in Turbulenzen an den Finanzmärkten entladen. Damit könnten Kaufgelegenheiten verbunden sein.

boerse.ARD.de: Wird die EZB der Fed folgen und ebenfalls den Leitzins anheben?

Tomlinson: Die EZB, übrigens auch die Fed, kämpft gegen ein schwaches Wirtschaftswachstum, denn Europa und der gesamte Westen müssen sich den Herausforderungen der Demografie stellen. Es gibt immer mehr Rentner und viel zu wenig Junge. Das bedeutet weniger Wachstum, weniger Inflation und weniger Produktivität. Deshalb glaube ich, dass der Leitzins im Euroraum auch nach dem Ende des Anleihekaufprogramms noch eine Weile unverändert bleibt, wahrscheinlich bis in die Jahre 2019 oder 2020 hinein.

Das Interview führte Lothar Gries.

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