Seitenueberschrift

Anleihen

Chamäleon (Quelle: Colourbox)

Zwischen den Welten

Der Charme der Wandelanleihe

von Bettina Seidl

VW macht es, die Post auch, ebenso Air Berlin und Alstria: Sie besorgen sich frisches Geld über eine Wandelanleihe. Sie ändert sich wie ein Chamäleon: erst Anleihe, später Aktie. Warum geben Firmen diese Wandler aus? Und warum greifen Anleger zu?

Volkswagen scheint die Wandelanleihe ganz besonders zu mögen. Innerhalb weniger Monate besorgen sich die Wolfsburger nun schon das zweite Mal auf diese Art Geld am Kapitalmarkt. Sie langen sogar recht ordentlich zu: beim ersten Mal im November waren es 2,5 Milliarden, jetzt sind es 1,2 Milliarden Euro. Es scheint sich zu lohnen.

"In der Tat eignet sich die Wandelanleihe für VW derzeit ganz besonders", sagt Gerhard Wolf, Leiter Unternehmensanleihen bei der LBBW. "Das Unternehmen ist in den letzten Jahren so stark gewachsen, dass es jetzt an der Zeit ist, das Eigenkapital zu stärken." Vor allem die Zukäufe von Porsche und MAN haben an der Kasse gezehrt.

Das Eigenkapital könnte ein Konzern auch über eine reguläre Kapitalerhöhung reinholen. Indem er direkt neue Aktien ausgibt, fließt frisches Geld in die Kassen. Bei der Pflicht-Wandelanleihe geschieht das mit Verspätung. Es handelt sich erst um eine Unternehmensanleihe, die am Ende ihrer Laufzeit automatisch in Aktien umgewandelt wird.

Warum dieser Umweg?

Eine Pflicht-Wandelanleihe bietet dem Unternehmen einige Vorteile. "Generell kann es sich günstiger Geld beschaffen als bei einer dividendenpflichtigen Aktie", so Anleihe-Experte Wolf. "Eigenkpaital ist teurer als Fremdkapital." Da lohnt sich natürlich besonders in Zeiten niedriger Zinsen. Zugleich wird eine Pflichtwandelanleihe von den Ratingagenturen von Anfang an als Eigenkapital gewertet. "Das stabilisiert das Rating", erklärt Wolf.

"Aus Sicht von VW ist die Wandelanleihe auch sehr gut, weil der Konzern sich auf der Finanzierungspalette diversifiziert", ergänzt Anleiheexperte Frank Hussing von der Commerzbank . Dadurch spricht man breitere Investorenkreise an.

Wahl oder Pflicht?

Gibt ein Unternehmen eine Wandelanleihe aus, nimmt es in einem ersten Schritt quasi einen Kredit auf. Der Käufer der Anleihe leiht der Firma Geld und bekommt dafür regelmäßig Zinsen. Später kann er die Anleihe in Aktien umwandeln, muss es aber nicht. Anders sieht es aus bei der Pflicht-Wandelanleihe. Da wird die Anleihe auf jeden Fall in Aktien umgewandelt, spätestens am Laufzeitende. Wegen des Zwangs zum Umtausch wird sie auch Zwangs-Wandelanleihe genannt.

Türöffner Wandelanleihe

Bisweilen gehen Unternehmen auch den Weg der Wandelanleihe, weil ihnen der Weg zum Kapitalmarkt zeitweise verwehrt ist. "Arcelor Mittal war so ein Beispiel", so der Spezialist von der Landesbank Baden-Württemberg.

Der Stahlriese brauchte 2009 frisches Geld, wegen des niedrigen Aktienkurses war eine Kapitalerhöhung aber schwierig. Zudem waren die Zinsen nach der Lehman-Pleite hoch. "Mit der Wandelanleihe konnte sich Arcelor zu einem erträglichen Zinssatz Geld beschaffen", sagt Wolf. In der Folge verbesserte sich die Kapitalstruktur, die Risikoaufschläge sanken – und Arcelor bekam wieder Zugang zum Kapitalmarkt.

Wandeln oder nicht?

Das Wandeln lohnt sich in der Regel, wenn die Aktie steigt. Wie viel sie steigen muss, das hängt von den Konditionen zur Umwandlung ab, vom Umtauschverhältnis. Das muss man genau errechnen. Sinkt die Aktie, wird der Anleger von seinem Wandlungsrecht wohl nicht Gebrauch machen, weil er dann besser die Anleihe verkaufen und mit dem Geld die Aktie billiger über die Börse kaufen könnte.

Was hat der Investor davon?

Wenn die Wandelanleihe so praktisch und vorteilhaft für Unternehmen ist: Kann sie dann überhaupt was für Investoren sein? Warum greifen sie zu, obwohl die Zinsen niedriger sind als bei normalen Unternehmensanleihen und Aktien höhere Dividendenrenditen bieten?

Das hängt von der Erwartungshaltung des Investors ab. Er geht davon aus, dass sich die Aktie des Unternehmens später positiv entwickelt. Sie können einen Rückschlag in nächster Zeit aber nicht ausschließen. Zudem bieten Wandelanleihen größere Sicherheiten  als eine Aktie. Denn Anleihegläubiger sind bei einem Konkurs bevorrechtigt.

Mehr oder weniger Zinsen?

Wer eine Wandelanleihe kauft, hat mehr Rechte als bei einer herkömmlichen Unternehmensanleihe. Er kann ja in Phasen steigender Aktienkurse umsatteln. Deshalb gibt es bei Wandelscheinen weniger Zinsen als bei normalen Anleihen. Anders ist es bei der Pflicht-Wandelanleihe: Hier hat der Anleger keine Wahlfreiheit. Entsprechend bekommt er mehr Zinsen als bei der normalen Wandelanleihe.

Neuer Trend Wandelanleihe?

In letzter Zeit gab es einige Unternehmen, die Anlegern mit einer Wandelanleihe Geld aus den Rippen leierten. Einen Trend mögen die Experten darin aber noch nicht sehen. Das Angebot der letzten Wochen und Monate hatte ein ganz normales Ausmaß.

Die Wandelanleihe ist ein Nischenprodukt, und das wird sie auch bleiben. Denn letztlich müssen sich Investor wie Unternehmen fragen: Will ich Fremd- oder Eigenkapital? Beides hat seine Vor- und Nachteile. Die Zwischenlösung Wandelanleihe bleibt eben nur – eine Zwischenlösung.

Stand: 12.06.2013, 15:08 Uhr

Darstellung: