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Interview

Koczwara Ingo Berenberg

Fondsmanager im Gespräch

"Wir wollen langfristig Anteilseigner sein"

Stand: 29.02.2016, 16:52 Uhr

Der deutsche Mittelstand genießt weltweit hohes Ansehen. Fondsmanager Ingo Koczwara vom Bankhaus Berenberg hat es mit seinem neuen Aktienfonds auf die besonderen Schätze dieser Anlageklasse abgesehen. boerse.ARD.de sprach mit ihm über seine Anlagephilosophie.

boerse.ARD.de: Midcaps-Fonds sind nicht unbedingt neu. Was hat Sie bewogen, noch einen Fonds in der deutschen Fondslandschaft zu platzieren? Anders gefragt, warum sollen die Anleger sich Midcaps zuwenden und nicht den großen Standardwerten aus dem In- und Ausland?

Ingo Koczwara: Berenberg hat anders als viele Wettbewerber sein Aktienresearch für deutsche Small- und Midcaps ausgebaut. Wir betrachten ausschließlich den deutschsprachigen Small- und Midcap-Raum und wenden bei der Auswahl der Titel dann strikt unsere Auswahlkriterien an. Unser Selbstverständnis ist dabei, dass wir langfristiger Anteilseigner sein wollen.

Der etwas andere Ansatz im Gegensatz zur zahlreichen Konkurrenz ist zudem der, dass wir zwar den MDax als Benchmark haben, bei der Zusammensetzung des Portfolios aber nicht unbedingt die Gewichtungskriterien im MDax nachbilden, uns also im Fonds nicht an den am schwersten gewichteten Aktien orientieren. Aktuell wären das im MDax Airbus und ProSiebenSat.1. Viel wichtiger ist die Selektion von Unternehmen, die unserer Meinung nach die besten Aussichten für eine positive Wertentwicklung haben.

boerse.ARD.de: Was aber auch zum Bumerang werden kann.

Koczwara: Wir haben eine langfristige Sicht über mehrere Jahre und sind davon überzeugt, dass wir damit auch den Index schlagen können. Kurzfristig sind die Ausschläge natürlich nicht immer berechenbar.

boerse.ARD.de: In der Vergangenheit haben sich Midcaps oft besser geschlagen als die großen Standardwerte aus dem In- und Ausland. Glauben Sie, dass die gegenwärtig schwierige Gesamtlage am Markt diesen Effekt eher noch verstärkt?  

Koczwara: Der Vorteil der Small- und Midcaps dürfte sich noch verstärken. Denn wenn Sie sich die jüngsten Rücksetzer im September/Oktober 2015 oder jetzt zu Jahresanfang anschauen, zeigt sich, dass es immer politische Themen gewesen sind, die die Märkte gedrückt haben.

Auf die meisten Nebenwerte hat aber die große Politik viel weniger Auswirkungen. Deren Geschäftsentwicklung hängt von wenigen klar nachvollziehbaren Faktoren ab. Großunternehmen sind hingegen viel abhängiger von der Weltpolitik und haben dabei auch noch einen höheren Verwaltungsaufwand.

boerse.ARD.de: Der deutsche Mittelstand (das Wort hat ja sogar Einzug ins Englische gehalten) genießt einen guten Ruf. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Stärken beziehungsweise Vorteile, wo die Schwächen dieser Anlageklasse?

Koczwara: Historisch basiert die Einzigartigkeit des deutschen Mittelstandes auf dem deutschen Föderalismus, der dafür gesorgt hat, dass wirtschaftliche Aktivitäten breiter gefächert und damit  auf vielen Schultern verteilt sind. Im Gegensatz zu unseren Nachbarn, die meist zentralistisch organisiert waren/sind.

Diese Aufstellung spielt den Unternehmen in die Karten, wenn sie von der Globalisierung und den technologischen Tendenzen profitieren wollen. Es ist beispielsweise falsch zu behaupten, dass Deutschland das Internet verschlafen habe, nur weil Apple, Google & Co. alles amerikanische Unternehmen sind. In einigen Bereichen rund um das Internet oder im Softwarebereich sind deutsche Mittelständler unter den Weltmarktführern. Oder nehmen Sie die Autoindustrie. Ein VW kann theoretisch auf der ganzen Welt nachgebaut werden - das was an Technik und Software-Wissen drin ist, aber nicht. Für mich sind diese hohen Eintrittsbarrieren ein Hauptgrund dafür, dass die deutsche Autoindustrie ihre starke Weltmarktstellung bisher stets behauptet hat.

Risiken liegen dann natürlich darin, dass sich solche Trends sehr schnell ändern können, wie man am Beispiel der Solarindustrie gesehen hat.

boerse.ARD.de: Was uns zu den bereits angeklungenen Auswahlkriterien bringt, die Sie anwenden. Wie sieht Ihr Investmentansatz konkret aus?

Koczwara: Ich knüpfe dabei an die vorherige Frage an. Natürlich nutzen wir die Ergebnisse unseres umfangreichen fundamentalen Researchs, Berenberg hat 80 eigene Aktienanalysten. Wir identifizieren bei den Unternehmen, ob sie durch ihre Produkte eine führende Wettbewerbsposition in Europa beziehungsweise in der Welt haben und damit sogenannte "hidden champions" sind.

Eng damit verbunden sind die bereits genannten hohen Eintrittsbarrieren, die wiederum Garant für eine hohe Marge und strukturelles Gewinnwachstum sind. Als weiteres Kriterium erachten wir es auch für wichtig, wenn die Unternehmen noch maßgeblich von den Gründerfamilien (mit)bestimmt werden. Dies führt meistens zu höherer Kontinuität und Verantwortung als bei angestellten Managern und kommt unserem langfristigen Anlagedenken entgegen. Natürlich gibt es hier Abstufungen.

boerse.ARD.de: Zum Schluss noch eine Frage zum Marktausblick. Wie beurteilen Sie gegenwärtig die Marktlage und was sind die Ziele für den MDax?

Koczwara: Ähnlich wie im September 2015 oder im Oktober 2014 ist derzeit viel "heißes Geld“" an den Märkten. Das führt zu höherer Volatilität, wenn Ängste sich steigern. Ökonomisch ist das nicht nachzuvollziehen, die Lage ist viel besser.

boerse.ARD.de: Mit anderen Worten, die Stimmung ist also schlechter als die Lage?

Koczwara: Genau.

Das Gespräch führte Robert Minde.

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