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Wirecard-Aktie erholt sich nur langsam

Was ist los bei Wirecard?

Stand: 25.02.2016, 11:53 Uhr

Von den enormen Kursverlusten kann sich die Wirecard-Aktie nur langsam erholen. Anleger rätseln: Ist an den Vorwürfen gegen den Zahlungsabwickler doch was dran? Oder stecken Kriminelle hinter der Short-Attacke? Der Research-Bericht lädt ein zu vielerlei Spekulationen. Die Aufsichtsbehörden sind gefragt.

Die Kursbewegung der Wirecard-Aktie sagt eigentlich alles. An der Börse herrscht eine gewaltige Portion Skepsis. Der Kurs des Zahlungsabwicklers steigt zwar heute wieder um fünf Prozent auf 35 Euro, womit das Papier der größte TecDax-Gewinner ist. Doch verglichen mit den gestrigen Verlusten ist das nichts.

Aktie auf Achterbahnfahrt

Die Wirecard-Aktie war nach schweren Vorwürfen des bisher unbekannten Research-Dienstes Zatarra am Mittwoch zunächst um 25 Prozent bis auf 32 Euro eingebrochen. Als das Dementi von Wirecard folgte - die Betrugsvorwürfe seien verleumderisch und gänzlich unwahr - und Unternehmenschef Markus Braun demonstrativ mit millionenschweren Aktienkäufen seine Zuversicht demonstrierte, erholte sich der Kurs zwar etwas - doch nur um im späten Handel noch tiefer zu fallen.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Woche
Kurs
38,42
Differenz absolut
0,13
Differenz relativ
+0,34%

Zeitweise ging es bis auf 31,88 Euro, das war der niedrigste Kurs seit November 2014. Der Börsenwert sackte damit in der Spitze um 1,3 Milliarden Euro ab - und das bei extrem hohen Umsätzen. Gestern gingen fast zehn Millionen Papiere um - einen Tag zuvor war es nicht einmal eine Million: nur gut 600.000 Aktien.

Warum hält sich Skepsis bei Wirecard?

An der Börse scheinen sich hartnäckige Zweifel an Wirecard zu halten, wie die verhaltene Kurserholung zeigt. Und das, obwohl der Internetauftritt von Zatarra einigermaßen unseriös wirkt und die Herkunft des Berichtes ungewiss. Ein Autor der Analyse wird nämlich nicht genannt. Die Webseite zatarraresearch.com scheint nur für den Zweck eingerichtet worden zu sein, den Wirecard-Bericht zu veröffentlichen. Außer zu Wirecard gibt es keine anderen Research-Berichte.

Der Betreiber der Webseite gibt sich auf der Seite nicht zu erkennen. Und er ist auch nicht ausfindig zu machen. Die Site wurde erst vor einer Woche bei der Agentur ICANN registriert, die die Vergabe von Internet-Adressen koordiniert. Beantragt wurde sie von der Firma Perfect Privacy - ein Dienstleister, der im Auftrag von Kunden Webseiten anmeldet und damit wirbt, dass die von ihr angemeldeten Seiten nicht zurückverfolgt werden können.

Verfasser der Studie unbekannt

Der Bericht selbst, in dem Wirecard Geldwäsche sowie Betrug der US-Kreditkartenfirma Mastercard und Visa vorgeworfen wird, enthält ebenfalls unseriöse Elemente. Nicht allein das Kursziel von 0,00 Euro macht stutzig. Auch ein paar Sätze aus dem Disclaimer klingen merkwürdig. „Indem Sie diese Studie herunterladen, stimmen Sie ausdrücklich dem Disclaimer zu, inklusive der Risiken von Finanzverlusten, Betrug und Falschdarstellung“, heißt es dort. "Es sollte klar sein, dass etwas Derartiges in einer „normalen“ Studie nicht steht", sagt Daniel Saurenz von Feingold Research.

Ein paar Absätze weiter in der Studie ist zudem zu lesen, dass Anleger davon ausgehen sollten, dass Zatarra Research Positionen eingegangen sei oder eingegangen sein könnte, sei es über Aktien oder andere Finanzprodukte, die von der Bewegung der Aktie profitieren würden.

Stecken Hedgefonds dahinter?

In Finanzkreisen gibt es die wildesten Gerüchte zum Verfasser des Berichtes. Es könnte ein verprellter ehemaliger Mitarbeiter oder Geschäftspartner sein. Auch Hedgefonds könnten dahinter stecken. In der Tat spekulieren angelsächsische Hedgefonds seit Monaten auf fallende Kurse von Wirecard. Sie hätten also ein handfestes Motiv: Sie machen Milliarden-Gewinne, wenn die Aktie wie gestern so stark fällt.

"Wirecard ist wieder einmal das Opfer von wilden Spekulationen", sagte Händler Andreas Lipkow vom Vermögensverwalter Kliegel & Hafner. Anleger hätten ein Deja-vu-Erlebnis von vor einigen Jahren als die Aktie ebenfalls im Fokus professioneller Shortseller gestanden habe. Das Volumen dieser so genannten Leerverkäufe ist enorm. Dabei leihen sich Investoren Papiere, um diese sofort zu verkaufen. Ihr Ziel ist es, die Aktien bis zur Rückgabe billiger zurückzukaufen und die Differenz als Gewinn einzustreichen. Wie groß der Spekulationsfaktor ist, zeigen Daten des Datenanbieters Markit: Demnach sind derzeit 80 Prozent der verfügbaren Wirecard-Titel verliehen.

Doch Short-Attacke hin oder her: Dass deshalb Hedgefonds als Verfasser und Verbreiter des des Research-Berichtes in Frage kommen, ist pure Spekulation. Ein Experte, der nicht genannt werden wollte, verwies darauf, dass am Markt immer wieder Berichte verschiedener Häuser auftachen, die sich in einzelnen, nicht regelmäßigen Studien mit Wirecard befassen. Nach der Erklärung des Unternehmens zum aktuellen Bericht sehe er keinen Anlass für Zweifel an Wirecard. Überwiegend würden sehr alte Vorwürfe aufgegriffen. Diese müssten Kreditkartenunternehmen, die Kunden des Zahlungssysteme-Anbieters sind, bekannt sein. Sie zögen aber keine Konsequenzen.

"House of Wirecard"

Die "Süddeutsche Zeitung" verweist auf die ungewöhnliche Rolle der "Financial Times" im Fall Wirecard. Deren Blog "FT Alphaville" hatte im vergangenen Jahr eine umfangreiche Serie namens "House of Wirecard" publiziert. Der Autor formuliere darin komplizierte Vorwürfe, die letzten Endes darauf hinausliefen, dass die Bilanzen von "Wirecard" so wacklig seien wie besagtes "Kartenhaus" - was Wirecard damals ebenfalls zurückwies.

Anleger fragen sich, warum sich die Vorwürfe gegen Wirecard nicht ein für alle Mal aus der Welt schaffen lassen. Eigentlich müsste es doch für Aufsichtsbehörden ein Leichtes sein, Bilanzfragen zu klären. Doch dem ist offenbar nicht so. Die "Süddeutsche Zeitung" machte die Probe aufs Exempel: Sie bat einen deutschen Topbanker, der das Unternehmen gut kennt, sich in die Wirecard-Bilanz einzuarbeiten. Er musste aber entnervt aufgeben, genauso wie ein ebenfalls konsultierter Fondsmanager, der sich seit langem intensiv mit Wirecard beschäftigte. Das Zahlenwerk von Wirecard ist derart komplex, dass die Branchenkenner nicht durchstiegen. Der SZ sagte ein Manager aus dem Bereich Zahlungsverkehr hinter vorgehaltener Hand: "Deren Bilanz ist ein Buch mit sieben Siegeln."

Eine komplexe Bilanz

Die Undurchsichtigkeit ist nicht per se negativ oder anrüchig zu deuten. Es liegt einfach auch an dem komplexen Metier, in dem die Firma tätig ist. Der Zahlungsdienstleister ist so was wie PayPal - nur dass es seine Dienste nicht privaten Kunden anbietet, sondern Händlern. Die Spezialität von Wirecard ist das so genannte Acquiring. Die Firma übernimmt dabei das Zahlungsausfallrisiko, muss also einspringen, wenn ein Kunde, der mit der Kreditkarte zahlt, ausfällt. Für das Risiko bekommt Wirecard eine Gebühr. Dabei hat Wirecard Verträge mit allen führenden Kreditkartenanbietern wie Visa, Mastercard und American Express.

Im Acqiring gibt es strittige Fragen, wie bestimmte Beträge zu bilanzieren sind. Im E-Commerce werden die ganzen Vorgänge als noch komplexer beschrieben. Fakt ist aber, Wirecard besitzt eine Banklizenz. Kaum vorstellbar, dass die Bankenaufsicht sich die Zahlungsvorgänge und Geldflüsse einger Bank nicht genau anschauen.

Die Aufsichtsbehörden interessieren sich auch für die gestrige Short-Attacke. Die Börsenaufsicht BaFin hat sich bereits eingeschaltet. "Wir sehen uns die Vorgänge um Wirecard routinemäßig im Hinblick auf eine mögliche Marktmanipulation durch unrichtige oder irreführende Angaben an", sagte eine Sprecherin der Behörde. Bleibt zu hoffen, dass sie dahinter kommen, falls Kriminelle hinter dem Research-Bericht und der Short-Attacke stecken.

bs

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