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Geldpolitik

Hans-Werner Sinn (l.) und Mario Draghi

Harsche Kritik an EZB-Entscheidung

Märkte zweifeln an Draghi

Stand: 11.03.2016, 08:54 Uhr

Die Entscheidung der EZB, die Zinsen auf Null zu senken, ist in Deutschland auf ungewöhnlich heftige Kritik gestoßen. Auch bei den Anlegern hat Draghi sein Pulver verschossen. Doch ganz so katastrophal ist die Geldpolitik auch für die Sparer nicht.

Nachdem es dem Notenbankchef lange Zeit gelungen war, die Aktienmärkte durch bloßes Reden in Wallung zu versetzen, verweigerten ihm die Märkte gestern sogar die Gefolgschaft, nachdem er einen ganzen Strauß an Lockerungsmaßnahmen gleichzeitig angekündigt hatte.

Schon während Draghis Pressekonferenz brach das kurz entfachte Aktienfeuerwerk in sich zusammen, stürzten die Kurse tief ins Minus, während gleichzeitig der Euro um mehrere Cent von 1,08 Dollar auf 1,11 Dollar zulegte. Die EZB scheint nämlich ihr Pulver jetzt tatsächlich verschossen zu haben, gab Draghi doch offen zu, dass die Zinsen von nun an auf absehbare Zeit auf Null bleiben werden und weitere geldpolitische Maßnahmen nicht vorgesehen seien. Damit ist die Fantasie aus den Köpfen der Anleger entwichen, die Märkte haben den Glauben an Draghi verloren.

In Rage versetzt

Geradezu in Rage versetzt haben die jüngsten Beschlüsse der Frankfurter Notenbank die hiesigen Ökonomen. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der Wirtschaftsweise Lars Feld und der Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest, äußerten in der "Bild"-Zeitung völliges Unverständnis für die Entscheidungen der Währungshüter.

"Die EZB verleiht jetzt Geld zu einem negativen Zins von bis zu 0,4 Prozent an die Banken", sagte Sinn dem Blatt. "Das ist eine verbotene Subventionspolitik zu Stützung von Zombie-Banken und konkursgefährdeten Staaten." "Wir sehen, dass Länder wie Italien trotz des Zinstiefs keine Reformen durchführen und Ausgaben eher noch erhöhen", sagte Feld der Zeitung.

Stimmenmehrheit ausgenutzt

"Daran werden auch die neuen Maßnahmen nichts ändern." Fuest warnte, die Risiken der Beschlüsse seien größer als die Chance, dadurch die Konjunktur anzukurbeln. Sein Fazit: "Die EZB hat ihr Pulver verschossen." Sinn warf netto im Ausland verschuldeten Euro-Ländern vor, ihre Stimmenmehrheit im EZB-Rat "hemmungslos" auszunutzen, "um sich die Zinskonditionen so zurecht zu zimmern, dass sie passen".

Die Kritik aus Deutschland an der lockeren Geldpolitik der EZB sind allerdings nicht neu. Bereits 2014 hatte Sparkassen-Verbandschef Georg Fahrenschon die Zinssenkungen der Notenbank als "teilweise Enteignung der Sparer“ bezeichnet.

Draghi beschwichtigt

Allerdings hat ausgerechnet die Bundesbank in einem bereits 2014 erschienen Beitrag mit dem Titel "Negative reale Verzinsung von Einlagen kein Problem“ aufgezeigt, dass es auch vor der Einführung des Euros immer wieder Phasen gegeben habe, in denen die Realverzinsung für Einlagen bei Banken und Sparkassen negativ gewesen war.

Darauf hat sich Ende Januar dieses Jahres auch Mario Draghi berufen. Bei einem Empfang der Deutschen Börse wies er darauf hin, dass es für den Sparer am Ende darauf ankomme, was ihm nach Abzug der Inflationsrate bleibt. Entscheidend für den Sparerfolg sei also nicht die unmittelbar sichtbare Rendite, die der Sparer für sein Festgeld, seine Spareinlage oder für seine Lebensversicherung erhält, sondern die um die Inflationsrate korrigierte reale Rendite.

Die Fachleute der Bundesbank haben ausgerechnet, dass ein aus Bargeld, Bankeinlagen und Lebensversicherungen bestehendes Geldvermögen zwischen Anfang 2008, also dem Beginn der Finanzkrise, bis Ende 2014 eine jährliche reale Rendite von 1,8 Prozent gebracht hat. Wasser auf die Mühlen der EZB.

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Ökonomen zur weiter gelockerten EZB-Geldpolitik

Geldschleusen weit geöffnet

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise:

Isabel Schnabel, Ökonomin Uni Mainz und Wirtschaftsweise:

"Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit Anleihekäufen (QE) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die erneute Ausweitung die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck."

lg/dpa

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