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Geldpolitik

Janet Yellen

Ende der Nullzins-Ära

US-Zinserhöhung gibt den Börsen Rückenwind

Stand: 17.12.2015, 09:40 Uhr

Die sanfte Zinswende ist eingeläutet: Die Fed erhöht erstmals seit fast zehn Jahren wieder den Leitzins - auf 0,25 bis 0,5 Prozent. Weltweit reagieren die Börsen mit kräftigen Kursgewinnen. Auch der US-Dollar legt zu.

Auf diese Entscheidung hatten die Anleger seit Monaten gewartet. Nun haben sie endlich Klarheit. Die Fed zieht die geldpolitischen Zügel an und erhöht den Leitzins. "Das bedeutet das Ende einer außergewöhnlichen Periode", sagte US-Notenbank-Präsidentin Janet Yellen am Mittwochabend in Washington. "Die Entscheidung der Fed zeigt unser Vertrauen in die US-Wirtschaft." Die Zinsanhebung spiegele Fortschritte am Arbeitsmarkt wider, erklärte Yellen.

Kräftige Gewinne an den Aktienmärkten

Die Fed-Entscheidung sorgte für Erleichterung an den internationalen Aktienmärkten. Die Wall Street schloss deutlich höher. Der Dow zog um 1,3 Prozent an. Der japanische Nikkei-Index stieg um 1,6 Prozent. Auch die europäischen Aktienmärkte starteten freundlich in den Tag. Der Dax kletterte zu Handelsbeginn um 1,8 Prozent auf 10.660 Punkte nach oben. Der EuroStoxx 50 gewann fast zwei Prozent.

Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum Intraday
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Da die Unsicherheit um den Zinsschritt nun vorbei sei, erscheine der Weg für eine Weihnachtsrally am Aktienmarkt offen, erklärte Analyst Craig Erlam vom Währungshändler Oanda das Marktgeschehen. Die meisten Anleger hatten auf eine Zinsanhebung spekuliert.

Dollar profitiert - ein bisschen

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Die Zinserhöhung gab auch dem US-Dollar Auftrieb. Am Donnerstagmorgen kostete ein Euro 1,0860 Dollar - und damit einen halben Cent weniger als am späten Vorabend. Allerdings war der Dollar nach dem Fed-Entscheid zeitweise gefallen.

Yellen will Zinszügel nur sanft anziehen

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ARD-Börse: Zinserhöhung in Amerika - wie die Börsen reagieren

Auf der Pressekonferenz im Anschluss an den Zinsentscheid kündigte Fed-Präsidentin Janet Yellen an, dass weitere Zinserhöhungen voraussichtlich graduell erfolgen werden. Die Fed stellte bis Ende 2016 eine Erhöhung des Leitzinses auf 1,375 Prozent in Aussicht. Das Tempo hänge vom wirtschaftlichen Ausblick und den Konjunkturdaten ab. Bei stärkeren Wachstumsraten oder einer höhen Inflation werde es deutlichere Zinsschritte geben, sagte Yellen. Im gegenteiligen Szenario würden die Anhebungen langsamer kommen. "Auch nach der Erhöhung stimuliert unsere Geldpolitik die Wirtschaft weiter", sagte sie. An den Finanzmärkten wurden damit Spekulationen auf eine forschere Gangart der Fed gedämpft.

"Das war eine Erklärung vom Weihnachtsmann", freute sich John Augustine, Investmentchef von Wealth & Investment Management. Die meisten Beobachter rechnen mit zwei Zinsschritten 2016. Dabei wird Yellen darauf achten, die Finanzmärkte nicht zu verunsichern. Der erste Zinsschritt solle nicht überbewertet werden, forderte Yellen. "Wir fangen frühzeitig mit Erhöhungen an und handeln schrittweise", sagte sie.

"Großer Schritt für das Finanzsystem"

Volkswirte und Analysten begrüßten die Entscheidung. "Die Zinswende war überfällig", sagte die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel. US-Notenbankpräsidentin Yellen habe "die bestvorbereitete Zinserhöhung der Geschichte vollzogen", schrieb Marktexperte Daniel Saurenz von Feingold Research am Donnerstagmorgen. "Mit der Aussicht auf eine positive US-Wirtschaft und mögliche, aber längst nicht sichere Zinsschritte 2016 können die Investoren gut leben."

Auch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn zeigte sich erleichtert. "Durch die jahrelange Nullzinspolitik hat der Zins seine Kontrollfunktion verloren, mit der unterschieden wird zwischen rentablen und unrentablen Objekten", erklärte er. Das sei volkswirtschaftlich schlecht. Frank Hübner, Ökonom beim Bankhaus Sal. Oppenheim, sprach von einem "Adelsschlag" für die erholte US-Wirtschaft. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank, bezeichnete die Zinsanhebung als "kleinen Schritt für die Fed, aber großen Schritt für das Finanzsystem". Diese Zinswende schüre die Hoffnung, dass auch in Euro-Land eine Umkehr bei den Zinsen irgendwann möglich ist, selbst wenn dies noch zwei oder drei Jahre dauern könnte. Nach Ansicht von David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, bildet die Zinsanhebung "den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik".

"Fed betritt Neuland"

Investoren warnten allerdings auch vor Risiken. "Die Fed betritt mit ihrem Zinsschritt ganz klar Neuland", sagte Stefan Kreuzkamp, Chefanleger der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank. "Noch nie hat sich eine US-Notenbank auf den Weg in einen Zinserhöhungszyklus gemacht, wenn die Raten für das Wirtschaftswachstum so niedrig waren und die eigene Bilanz so aufgeblasen", erklärte Kreuzkamp.

Der Zinsschritt ist ein Signal für das endgültige Ende der Finanzkrise. Der Leitzins hatte seit der Lehman-Pleite auf einem historisch niedrigen Niveau von 0,00 bis 0,25 Prozent gelegen.

nb

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Experten-Meinungen zur Zinserhöhung in den USA

"Fed betritt Neuland"

David Folkerts-Landau, Deutsche Bank

David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank

"Die Entscheidung der Fed, die Zinsen zum ersten Mal seit fast zehn Jahren zu erhöhen, ist ein historischer Moment. Die Zinsanhebung markiert das offizielle Ende der globalen Finanzkrise für die USA und bildet den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik. Dieser Schritt wurde allgemein erwartet. Vor dem Hintergrund, dass auf dem US-Arbeitsmarkt nahezu Vollbeschäftigung herrscht und im kommenden Jahr ein Anstieg der Inflation erwartet wird, war eine Anhebung der Zinsen längst überfällig. Diejenigen, die die Zinsanpassung kritisch sehen, lassen außer Acht, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durchaus Zinssätze zwischen zwei und drei Prozent und eine Fed-Bilanz ohne Überschussreserven rechtfertigen - eine Zinspolitik, die weit entfernt vom Krisenmodus ist, der selbst heute noch dominiert."

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