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Pharma 2016

Ausblick 2016 Pharma

Folgen des Fusionsbooms

Pharma-Aktien: Wieder mehr Zuversicht

von Lothar Gries

Stand: 21.12.2015, 16:56 Uhr

Ob Glaxo, Merck & Co oder Bayer: In diesem Jahr heben die Kurse vieler Pharmaunternehmen die Erwartungen enttäuscht. Auch zahlreiche Biotechfirmen konnten ihren guten Lauf nicht fortsetzen. Nun vertrösten die Analysten auf kommendes Jahr. In den USA droht kurz Ungemach.

Für 2016 bis 2019 rechnet die Pharmaindustrie mit einem jährlichen Anstieg der Gesundheitsausgaben um durchschnittlich 4,3 Prozent. In diesem Jahr dürfte der Medikamentenumsatz allerdings um 2,7 Prozent zurückgegangen sein. Verantwortlich dafür seien der Preisdruck in den USA sowie die labile wirtschaftliche Lage in Brasilien, Russland und China - allein auf diese vier Länder entfällt rund die Hälfte des weltweiten Pharma-Umsatzes. Zudem gingen die staatliche Gesundheitsfürsorge und die Ausgaben von Selbstzahlern zurück. Auch spüren die großen Pharmafirmen den wachsenden Druck aus der Generika- und Biotechbranche.

Auf diese Veränderungen hat die Branche mit einem immensen, hektischen Fusionswettlauf reagiert. Die 20 größten Pharmakonzerne dürften in diesem Jahr Unternehmen und Unternehmensteile im Wert von über 400 Milliarden Euro ge- oder verkauft haben. Sichtbarster Ausdruck dieser Bewegung war die Übernahme von Allergan ("Botox") durch Pfizer ("Viagra"). Von der damit verbundenen Zusammenlegung der Forschungsabteilungen versprechen sich die Firmen hohe Kosteneinsparungen, im Branchenjargon als "Synergieeffekte" bezeichnet.

Die Branche bleibt in Bewegung

Getrieben wird der Übernahme-Boom zudem von dem Wunsch vieler Firmen, sich stärker auf einige wenige Geschäftsfelder zu konzentrieren. Darüber hinaus sind die großen Unternehmen dazu übergegangen, die Schwächen in der eigenen Forschung und Entwicklung durch den Kauf junger Firmen zu kompensieren, die Erfolg versprechende Wirkstoffe entwickeln oder bereits zur Marktreife gebracht haben. Besonders Biotech-Firmen standen und stehen deshalb auf den Einkaufslisten der Pharmariesen. So hat der britisch-schwedische Konzern AstraZeneca kürzlich die Mehrheit am niederländischen Biotech-Unternehmen Acerta Pharma übernommen. Zuvor hatte AstraZeneca für 2,7 Milliarden Dollar das kalifornische Biotechunternehmen ZS Pharma übernommen. Der Konzern reagiert damit auf das Ende des Patentschutzes für zwei seiner Blockbuster.

Um führende Marktpositionen wird auch auf dem deutschen Pharmamarkt hart gerungen. Erst kürzlich haben Boehringer Ingelheim und Sanofi einen Tausch von Geschäftsbereichen vereinbart. Kommt der Deal zustande, würde Sanofi das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten von Boehringer übernehmen und damit deutlich stärker werden. Im Gegenzug würde sich Boehringer das Tiergesundheitsgeschäft von Sanofi einverleiben.

Patentabläufe sorgen für Wachstumsfantasie

Novartis und GlaxoSmithKline wollen ebenfalls enger zusammenarbeiten. Die Unternehmen haben ihre Geschäfte mit frei verkäuflichen Medikamenten in ein Gemeinschaftsunternehmen eingebracht und sind damit zum Weltmarktführer in diesem Bereich aufgestiegen.

Ähnliche Konsolidierungen sind in der Generika-Sparte zu erwarten. Für Wachstumsfantasie sorgen hier die bevorstehenden Patentabläufe bei einer Reihe von umsatzstarken Biotechprodukten mit zusammen mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz, darunter etwa Krebsmittel wie Rituxan von Roche oder Rheumamedikamente wie Enbrel (Amgen) und Humira (Abbvie).

Diese Entwicklung öffnet den Generika-Herstellern neue Perspektiven, birgt aber auch Herausforderungen. Denn anders als klassische, chemisch synthetisierte Arzneiwirkstoffe werden die Biotechmedikamente mit Hilfe von genveränderten Zellen produziert. Sie können daher nicht eins zu eins kopiert werden, sondern nur als "ähnliche" Wirkstoffe (Biosimilars).

Erste Früchte ernten

Glaubt man den Experten des Analysehauses Jefferies, dürften diese Konsolidierungs- und Fusionswellen ab der zweiten Hälfte des kommenden Jahres erste Früchte tragen, sich also positiv auf die Kosten- und damit die Ertragsstruktur der Unternehmen auswirken. Dies werde auch die Aktienkurse stützen. Analyst Jeffrey Holford hat deshalb Anfang Dezember seine Empfehlungen für zahlreiche Pharmawerte deutlich angehoben. Auch andere Marktexperten, allen voran die der Deutschen Bank, sehen im kommenden Jahr gute Aussichten für Kursgewinne bei den meisten Pharmawerten.

Ein Risiko droht allerdings von politischer Seite - allen voran aus den USA. Dort hat ein Senatsausschuss damit begonnen, die Preispolitik von vier Pharmafirmen zu untersuchen. Den Unternehmen wird vorgeworfen, die Preise für lebenswichtige Medikamente ohne nachvollziehbare Gründe drastisch angehoben zu haben.

Was macht Hillary Clinton?

Auch die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, hat sich in die Debatte eingeschaltet und einigen Pharmaunternehmen Preiswucher vorgeworfen. Einer der Auslöser für Clintons Vorstoß war das Vorgehen von Turing Pharmaceuticals. Turing-Chef Martin Shkreli hob im September den Preis für das Toxoplasmose-Medikament Daraprim auf 750 Dollar von zuvor 13,50 Dollar an – ein Aufschlag von rund 5.500 Prozent. Das Medikament zur Behandlung der von Parasiten übertragenen Infektionskrankheit ist bereits seit 62 Jahren auf dem Markt und Turing hatte erst kurz zuvor die Rechte an dem Mittel erworben. Clinton will deshalb die Pharmapreise deckeln.

Beobachter befürchten deshalb, dass sich ein Wahlsieg von Hillary Clienton negativ auf die Pharmaaktien auswirken werde. Christoph Riniker von der Bank Julius Bär gibt Entwarnung und erklärt, die Vorschläge von Frau Clinton seien weder neu noch einfach umsetzbar. Auch habe die Branche unter der Perspektive eines Wahlsiegs der Demokraten in den USA bereits zu sehr gelitten. "Wir sehen daher für qualitativ gute Pharma- und Biotech-Aktien durchaus Einstiegsgelegenheiten."

Auch die Experten der Deutschen Bank versuchen das Risiko der US-Präsidentschaftswahlen zu relativieren. Denn Frau Clinton werde im Fall eines Wahlsieges viele Vorschläge nicht umsatzen können oder wollen, so dass nur mit einer moderaten Reform des Gesundheitswesens zu rechnen sei. Folglich seien etwaige Kursrückschläge im Pharmabereich aus politischen Gründen als Einstiegsgelegenheit zu interpretieren.

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Die Pharma-Favoriten der Analysten

Von Actelion bis UCB

UCB: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

UCB

Zu den Top-Favoriten 2016 gehört für die Deutsche Bank das belgische Unternehmen UCB. Das in Deutschland trotz der Übernahme 2007 von Schwarz Pharma weitgehend unbekannte Unternehmen hat sich auf Erkrankungen des Immunsystems, vor allem Arthritis, und Erkrankungen des Nervensystems spezialisiert. Außerdem sollen neue Medikamente zur Heilung von Knochenkrankheiten wie Osteoporose entwickelt werden. Der Konzern erwartet von 2014 bis 2017 einen Umsatzanstieg von 3,34 Milliarden auf 4,28 Milliarden Euro und beim Gewinn je Aktie von 1,69 auf 3,44 Euro.

UCB: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

UCB

Actelion: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Actelion

AstraZeneca: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

AstraZeneca

Roche Gs.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Roche Gs.

Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Bayer

Merck KGaA: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Merck KGaA

Pfizer: Kursverlauf am Börsenplatz Nyse für den Zeitraum 1 Jahr

Pfizer

Novartis: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Novartis

Gilead Sciences: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Gilead Sciences

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