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Ökonomen zur weiter gelockerten EZB-Geldpolitik Geldschleusen weit geöffnet

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise:

Isabel Schnabel, Ökonomin Uni Mainz und Wirtschaftsweise:

"Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit Anleihekäufen (QE) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die erneute Ausweitung die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck."

Ökonomen zur weiter gelockerten EZB-Geldpolitik Geldschleusen weit geöffnet

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise:

Isabel Schnabel, Ökonomin Uni Mainz und Wirtschaftsweise:

"Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit Anleihekäufen (QE) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die erneute Ausweitung die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck."

 Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank:

Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank:

"Doktor Draghi hat die Dosis deutlich erhöht. Wie von uns befürchtet, hat er die Geldpolitik der EZB leider deutlicher gelockert als die meisten erwartet hatten. Diese Geldpolitik wird kaum in der Realwirtschaft ankommen. Denn die Nebenwirkungen sind massiv. Das Produktivitätswachstum lässt nach, weil auch unrentable Investitionen wegen der niedrigen Zinsen attraktiv erscheinen. Es steigt das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt. Außerdem wird der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen. Alles in allem verschlechtert diese lockere Geldpolitik langfristig die Rahmenbedingungen für die Unternehmen, so dass sie sich heute schon zurückhalten. Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht."

Volker Wieland, Professor für Geldpolitik, Goethe-Uni Frankfurt:

Volker Wieland, Professor für Geldpolitik und Wirtschaftsweiser, Goethe-Uni Frankfurt:

"Die EZB jagt weiter dem Ölpreis hinterher. Die Kerninflation ohne Energiepreise ist positiv und schwankt kaum. Aber weil der Ölpreis gefallen ist und der Gesamtindex der Konsumentenpreise dadurch wieder leicht negativ ist, schlägt sie Alarm (...). Als die Inflation vor einigen Jahren bei drei Prozent war, hielt sich die Notenbank, abgesehen von zwei kleinen Zinsschritten vornehm zurück. Damals war das Argument, man dürfe nicht überreagieren, denn es seien nur die Energiepreise. Daran hätte sich die Zentralbank auch dieses Mal halten sollen. Denn mit den Niedrigzinsen bauen sich Risiken im Bankensektor auf. Steigt die Notenbank zu spät aus, treffen die steigenden Einlagezinsen auf einen Bestand an langfristigen Niedrigzinskrediten und die Finanzstabilität ist wieder gefährdet."

Gertrud Traud, Chefökonomin, Helaba:

Gertrud Traud, Chefökonomin, Helaba:

"Die EZB hat die von ihr selbst geschürten Erwartungen noch übertroffen und den geldpolitischen Expansionsgrad mit zahlreichen Instrumenten weiter ausgeweitet. Allerdings ist dies nicht positiv zu beurteilen. Sobald die Kapitalmärkte etwas mehr Volatilität zeigen, 'verspricht' Mario Draghi, dass er 'etwas tun werde'. Die EZB 'tut' tatsächlich sehr viel. Aber es ist nicht Aufgabe der EZB, für dauerhaft steigende Kurse zu sorgen. Auch bewegt sich die EZB mittlerweile außerhalb ihres Mandats. Die Grenzen zur direkten Staatsfinanzierung werden fließend. Die Entscheidung von heute war ein weiterer Schritt in die falsche Richtung."

Marcel Fratzscher, Präsident, DIW Berlin:

Marcel Fratzscher, Präsident, DIW Berlin:

"Die EZB sendet mit ihrer Entscheidung ein starkes Signal, dass sie alle ihre Instrumente entschieden nutzen wird, um ihrem Mandat der Preisstabilität wieder gerecht zu werden. Die weitere Expansion der Geldpolitik ist massiv und überraschend. Die Entscheidung unterstreicht die Sorge der EZB über die sich eintrübenden Aussichten für die europäische Wirtschaft und über die Probleme des Bankensektors. Das anhaltende Risiko der Deflation und die sich abschwächende europäische Wirtschaft lassen der EZB keine andere Wahl, als ihre Geldpolitik weiter zu lockern. Es sollte nicht vergessen werden - bei allen Sorgen in Deutschland über die Nebenwirkungen der expansiven Geldpolitik -, dass es Aufgabe der EZB ist, Geldpolitik für die Eurozone und nicht nur für Deutschland zu machen. Die Entscheidung der EZB bedeutet eine noch längere Phase der Nullzinspolitik in Europa.

Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn, Präsident Ifo-Institut

"Dass die EZB nun beschlossen hat, den konkursgefährdeten Banken Südeuropas Langfristkredite zu einem negativen Zins von 0,4 Prozent zu geben, beweist einmal mehr, dass sie eine fiskalische Umverteilungspolitik zur Rettung von Zombiebanken und fast konkursreifen Staaten betreibt. Diese Umverteilungspolitik ist keine Geldpolitik, und es fällt der EZB immer schwerer, sie als eine solche zu verkaufen. Da sie sich durch den Europäischen Gerichtshof gedeckt sieht, wagt sich die EZB immer weiter über die Grenzen ihres Mandats hinaus. Gleichwohl bereitet die EZB weitere Schritte dieser Art vor, indem sie den 500-Euro-Schein abschaffen will, damit das Ansammeln von Bargeld noch teurer wird. Das ist eine völlig verfehlte Politik.“ Auch die Ausweitung der Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro pro Monat bemängelt Sinn: "Mehr Wasser hilft nicht, wenn die Pferde nicht saufen wollen. Die EZB scheint am Ende ihres Lateins angekommen."

Adalbert Winkler, Frankfurt School of Finance & Management

Adalbert Winkler, Frankfurt School of Finance & Management

"Die Maßnahmen, aber auch die Begründung, mit der sie beschlossen wurden, verdeutlichen, dass die EZB gewillt ist, ihrem Mandat, Preisstabilität, nachzukommen."

Ulrich Wortberg, Analyst, Landesbank Hessen-Thüringen:

Ulrich Wortberg, Analyst, Landesbank Hessen-Thüringen:

"Der EZB ist es dieses Mal gelungen, die Markterwartungen zu übertreffen. Mit dem beschlossenen Maßnahmenpaket werden die Finanzierungsbedingungen in der Eurozone deutlich gelockert. Die Ausweitung der Anleihekäufe auf den Nichtbanken-Sektor reduziert das Risiko möglicher Knappheiten am Staatsanleihenmarkt. Zudem hat sich mit der Reduzierung des Einlagensatzes das Spektrum auf Basis des aktuellen Renditeniveaus vergrößert. So konnte auch das monatliche Ankaufvolumen deutlich ausgeweitet werden. Sollte es der EZB mit diesen Maßnahmen endlich gelingen, die konsolidierte Bilanzsumme der Banken und Zentralbanken in der Eurozone zu erhöhen, würde sich dies vermutlich in steigenden Geldmengenzahlen niederschlagen und in der Folge positive Wirkung auf Wachstum und Inflation entfalten."

Otmar Lang, Chefvolkswirt, Targobank:

Otmar Lang, Chefvolkswirt, Targobank:

"Mit ihren heute verkündeten Maßnahmen ist die EZB ihrem monetären Kurs extrem treu geblieben. Allerdings zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat. Die Bilanz ist ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen."

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer, Bundesverband deutscher Banken BdB:

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer, Bundesverband deutscher Banken BdB:

"Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank den Geldhahn noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken. Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt."

Liane Buchholz, Hauptgeschäftsführerin, Bundesverband öffentlicher Bank Deutschlands VÖB:

Liane Buchholz, Hauptgeschäftsführerin, Bundesverband öffentlicher Bank Deutschlands VÖB:

"Die EZB beschleunigt ihre geldpolitische Irrfahrt. Die heutige Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer. Langfristige Altersvorsorgekonzepte werden ebenso entwertet wie zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt werden. Es ist absolut unnötig, die deutsche Kreditwirtschaft zu einer umfangreicheren Kreditvergabe zu nötigen."

Alexander Erdland, Präsident, Versichererverband GDV:

Alexander Erdland, Präsident, Versichererverband GDV:

"Die EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert. Mit größter Sorge sieht die Versicherungswirtschaft, dass die Notenbank ihre schon extrem expansive Geldpolitik noch weiter signifikant gelockert hat. Denn immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass diese monetären Anreize ihr Ziel nicht erreichen. Besonders deutlich wurde das seit Jahresbeginn auf den Aktienmärkten oder beim Euro-Wechselkurs, wo Verluste beziehungsweise eine Aufwertung im krassen Gegensatz zur Haltung der Geldpolitik standen. Schlimmer noch: Mittlerweile ist sogar zu befürchten, dass diese unorthodoxe Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt ist - nämlich mehr Wachstum und eine höhere Inflation. Die Notenbank läuft daher zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden."

Thomas Gitzel, Chefökonom, VP Bank Gruppe:

Thomas Gitzel, Chefökonom, VP Bank Gruppe:

"„Money for nothing“ lautet das neue Motto der EZB. Die Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes auf null Prozent gehört zu den größten Überraschungen. Dies in Kombination mit den langfristigen Refinanzierungsgeschäften macht die Bankfinanzierung historisch günstig (...). Mario Draghi möchte den niedrigen Inflationsraten den Garaus machen und packt die geldpolitische Eisenkeule aus. Die EZB macht sich damit aber nicht nur Freunde. Im deutschen Bankenlager wird mittlerweile offen Kritik an der EZB-Negativzinspolitik geübt (…). Doch bei aller berechtigten Kritik: Die EZB ist von den nationalen Regierungen alleine gelassen. Die Frankfurter Währungshüter ziehen den Karren alleine. Mario Draghi findet mit seinem Wunsch nach mehr Reformeifer derzeit kein Gehör. Draghi muss auch aufpassen, dass er sich nicht auf ein Hase-Igel-Spiel einlässt. Die Finanzmärkte fordern immer mehr. Die EZB muss deshalb klar machen, dass es auch eine Grenze gibt."

Sascha Steffen, Finanzmarktexperte, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW:

Sascha Steffen, Finanzmarktexperte, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW:

"Die EZB-Entscheidung stellt die Banken auch in Zukunft vor massive Probleme und ist ein Risiko für die Finanzmarktstabilität in Europa. Gerade die kleinen und mittelgroßen Banken sowie Sparkassen, die von Fristentransformationen leben, werden durch die Entscheidung benachteiligt. Sie werden in Zukunft Probleme haben, profitabel zu arbeiten. Zudem ist nicht klar, ob die Strategie der EZB aufgeht. Die Banken könnten gezwungen sein, die Zinsen zu erhöhen, um profitabel zu arbeiten. Dies würde der Strategie der EZB widersprechen. Außerdem haben die Banken kein Liquiditätsproblem, sondern viele Banken haben ein Insolvenzproblem, das die nationalen Regierungen versäumt haben, zu adressieren. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Maßnahmen der EZB mittelfristig zu nachhaltigem Wachstum führen."

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