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Börsen

Skylines von Frankfurt und London

Finanzplätze

London-Frankfurt: Fusion der Ungleichen

von Lothar Gries

Stand: 24.02.2016, 14:56 Uhr

Erneut unternimmt die Deutsche Börse den Versuch eines Zusammenschlusses mit der LSE. Eine Fusion unter Gleichen soll es werden. Doch ungleicher könnten die Handelsplätze Frankfurt und London kaum sein.

Das weiß auch Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. Bei einem gemeinsamen Auftritt am Mittwoch mit Börsen-Chef Carsten Kengeter hat er deutlich gemacht, dass der Aktienhandel in Frankfurt verbleibt und nicht nach London abwandert - trotz der deutlich höheren Liquidität an der Themse.

Tatsächlich geht es hier nicht nur um den Zusammenschluss zweier Börsenbetreiber, die etwa gleich groß sind: An einem neuen, noch zu gründenden Unternehmen würden die Aktionäre der Deutschen Börse einen Anteil von 54,4 Prozent halten und die Eigentümer der LSE einen von 45,6 Prozent. Denn der Frankfurter Börsenbetreiber wird derzeit mit 14,7 Milliarden Euro bewertet, die LSE lediglich mit umgerechnet 11,5 Milliarden. Entscheidender Unterschied ist die Abwicklungstochter Clearstream, die sich für die Deutsche Börse als Schlüsselbestandteil auch und gerade in mageren Jahren erwiesen hat. Die LSE verstand sich lange Zeit vorwiegend als Marktplatz. Erst seit 2012 besitzt sie mit LCH.Clearnet auch ein eigenes Clearinghaus.

Frankfurt auf dem Rückzug

Deutsche Börse: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
72,52
Differenz absolut
-1,27
Differenz relativ
-1,72%

Allerdings geht es hierbei auch um ein engeres Zusammenrücken zweier höchst ungleicher Finanzplätze. Während sich um die Jahrtausendwende beide Städte noch darum stritten, wer auf Dauer die wichtigere Bankenmetropole werden würde, ist dieser Zweikampf für die Stadt am Main längst verloren. Zu übermächtig ist London als Europas Finanzzentrum Nummer 1. Daran hat auch die Finanzkrise 2008/09 trotz aller Entlassungswellen nichts geändert.

Im Gegenteil. Im Vergleich zu anderen internationalen Handelsplätzen in den USA, China oder Europa hat Frankfurt in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Im Devisenhandel spielt der heimische Finanzplatz nur noch eine Nebenrolle. Hatte Frankfurt vor der Einführung des Euro noch einen Anteil von 14 Prozent am weltweiten Währungsgeschäft, weil viele Währungen an die D-Mark gekoppelt waren, ist dieser Anteil inzwischen auf bescheidene zwei Prozent gesunken. In London wickeln Händler dagegen 40 Prozent aller Währungsgeschäfte ab.

Weit abgeschlagen

Im Vergleich der weltweit bedeutendsten Finanzplätze, basierend auf den Bewertungen von über 25.000 Finanzakteuren (siehe Grafik), liegt Frankfurt weit abgeschlagen auf dem 14. Platz, noch hinter Genf und knapp vor Sydney, während London seit Jahren souverän den ersten Platz belegt.

Top Finanzplätze weltweit im Jahr 2015

Top Finanzplätze weltweit im Jahr 2015. | Bildquelle: Statista, Grafik: boerse.ARD.de

Auch im Hinblick auf die Marktkapitalisierung spielen beide Handelsplätze nicht in der gleichen Liga. Während es die an der Londoner notierten Unternehmen auf 6,2 Billionen Dollar bringen (Stand 31. Januar 2015), bringen die an der Deutschen Börse gelisteten Firmen gerade einmal 1,76 Billionen Dollar auf die Waage. Damit rangiert Frankfurt auf den hinteren Plätzen zwischen Toronto und Mumbai. Unangefochtene Nummer 1 ist übrigens die NYSE mit einer Marktkapitalisierung aller dort vertretenen Unternehmen von 19,2 Billionen Dollar.

Weltgrößte Börsenplätze nach Marktkapitalisierung - Stand 31.1.2015

Weltgrößte Börsenplätze nach Marktkapitalisierung - Stand 31.1.2015. | Bildquelle: World Federation of Exchanges, Grafik: boerse.ARD.de

Und noch etwas sollte man beim Vergleich zwischen London und Frankfurt wissen: Zwar spielt heute der Standort für den Zugriff auf die Handelssysteme der Börsenbetreiber keine Rolle mehr. Dennoch bleibt die Frage von Bedeutung, wo die Händler sitzen, die die Börsengeschäfte betreiben. Auch hier ist die Antwort eindeutig: in London!

Faktor zehn

Zumal Frankfurt zuletzt auch im Asset Management deutlich an Bedeutung verloren hat, nachdem die Geschäftsführung einiger Firmen nach London gezogen ist. Auch wenn das Fondsmanagement in Frankfurt sitzt – strategische Entscheidungen werden in London gefällt, lautet die Kritik innerhalb der Fondsindustrie.

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ARD-Börse: Geplante Börsenfusion - Reaktionen und Einschätzungen

Das hat seinen Grund: Am dortigen Finanzplatz sind beinahe so viele Menschen beschäftigt, wie Frankfurt Einwohner hat. Die Niederlassungen der großen außereuropäischen Banken sind in London ebenfalls um den Faktor zehn größer als in Frankfurt. Kein Wunder: Die niedrigeren Steuersätze und die Vorteile der Landessprache machen die britische Metropole seit langem zu einem Anziehungsfaktor erster Güte. Die dort angesammelte Expertise - gerade im Handel - ist nur noch mit der Wall Street vergleichbar. In Frankfurt dagegen beträgt die Zahl der in der Finanzindustrie Beschäftigten derzeit rund 60.000 Menschen.

Kein Name von Weltrang mehr

Auch hat Frankfurt im Bankensektor eigentlich keinen Namen von Weltrang mehr. Die Deutsche Bank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, nachdem die übrigens von London aus regierenden Investmentbanker das Geldhaus ausgenommen haben bis auf die Knochen. Die mit Abstand größte Bank Europas, HSBC, hat dagegen ihren Sitz in London.

Überhaupt spielt der Finanzsektor in der deutschen Volkswirtschaft eine geringere Rolle als in Großbritannien. Während der Anteil der Finanzindustrie am britischen Bruttoinlandsprodukt sich auf rund zehn Prozent beläuft, tragen die deutschen Banken lediglich mit vier Prozent zur deutschen Wirtschaftsleistung bei.

Ass im Ärmel

Allerdings hat Frankfurt in diesem Städtevergleich doch ein gewichtiges Ass im Ärmel: die Europäische Zentralbank. Sie hat sich in den letzten Jahren zum wichtigsten Faktor für das Ansehen Frankfurts in der Welt gemausert. Und mit der Ansiedelung der europäischen Bankenaufsicht am Main wurde die Position Frankfurts weiter gestärkt.

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