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Industrie

Da steckt mehr dahinter

Linde senkt Ziele für 2017

Stand: 01.12.2015, 10:56 Uhr

Der Industriekonzern aus dem Dax senkt seine mittelfristige Prognose für 2017. Müssen sich die Anleger nun von höheren Kursen verabschieden? Die Aktie kommt erst einmal kräftig unter die Räder.

Mit einem Abschlag von über 14 Prozent liegt das Linde-Papier derzeit bei volatilem Handel mit großem Abstand am Dax-Ende. Der Konzern hatte am Abend nach Börsenschluss seine Mittelfristziele für 2017 einkassiert. Gerechnet wird für 2017 mit einer geringeren Produktivität und einem niedrigeren operativen Ergebnis.

Bei der für Linde relevanten Produktivitätskennzahl, der Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROCE), wird die bisher angestrebte Zielgröße von elf bis zwölf Prozent nicht mehr zu erreichen sein. Erwartet wird nur noch ein Wert zwischen neun und zehn Prozent.

Auch von der Projektion für das 2017 geplante operative Konzernergebnis von 4,5 bis 4,7 Milliarden Euro verabschiedet sich der Dax-Konzern. Gerechnet wird nur noch mit einer Bandbreite zwischen 4,2 und 4,5 Milliarden Euro.

Veränderte Rahmenbedingungen

Linde: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Linde hatte seine Mittelfristziele im Oktober 2014 verabschiedet. Seitdem, so das Unternehmen in seiner Ad-hoc-Mitteilung, hätten sich die Rahmenbedingungen deutlich verändert. "Zum einen sind in allen Teilen der Welt die für das Industriegasegeschäft relevanten Wachstumsraten der Industrieproduktion weiter deutlich zurückgegangen. Zum anderen werden staatliche Preiskürzungen für Leistungen des US Healthcare Geschäfts in 2016 und 2017 voraussichtlich stärker als erwartet ausfallen", hieß es weiter.

Auch die Engineering Divison, der Anlagenbau, ist negativ betroffen. Die Sparte wird weniger zum Konzernergebnis beitragen als erwartet. "Wesentlicher Grund ist ein erwarteter niedrigerer Auftragseingang bedingt durch Investitionszurückhaltung der Kunden wegen eines mittelfristig niedrigen Ölpreises", erklärte Linde am Abend.

Am Dienstag bestätigte Linde-Chef Wolfgang Büchele in einer Telefonkonferenz mit Analysten zumindest den Ausblick für das laufende Jahr 2015, orientierte sich dabei aber am unteren Rand der Prognosen. Das operative Ergebnis (Ebitda) ohne Sondereffekte werde eher bei 4,1 Milliarden Euro liegen, anstatt bei 4,3 Milliarden Euro. Bereits im Sommer reduzierte Linde wegen eines schwächeren Geschäfts im Anlagenbau seine Erwartungen für den Umsatz und peilt zwischen 17,9 und 18,5 Milliarden Euro an. 2014 setzte Linde gut 17 Milliarden Euro um, das operative Ergebnis lag bei 3,9 Milliarden Euro.

Strukturelle Probleme

Der gesenkte mittelfristige Ausblick ist mehr als nur die Erwartung eines schwachen Quartals. Es steckt strukturell mehr dahinter, was Linde mit dem etwas verklausulierten Begriff der "geänderten Rahmenbedingungen" auch offen anspricht. Vor allem im Anlagenbau ist nicht damit zu rechnen, dass die Kunden aus der Öl- und Gasindustrie bei anhaltend niedrigen Ölpreisen wieder stärker investieren werden. Auch die Tendenzen im US-Gesundheitssystem sind struktureller Natur, hier sollen Kosten rausgenommen werden. All dies spricht nicht dafür, dass die Linde-Aktie ihre Höchstkurse aus diesem Jahr bei knapp 200 Euro so schnell wiedersehen dürfte.

Analysten uneinig

Bei den Experten schlägt die Gewinnwarnung naturgemäß hohe Wellen. Dabei sind die Meinungen, wie könnte es anders sein, unterschiedlich. Das Analysehaus S&P Capital IQ hat die Einstufung für die Aktie auf "Sell" mit einem Kursziel von 135 Euro belassen. Das Kursziel impliziere einen Bewertungsabschlag auf die Aktien der Konkurrenz, was angesichts der stärkeren Ausrichtung von Linde auf die Petrochemie-, Öl- und Gas-Industrie gerechtfertigt sei, schrieb Analyst Jit Hoong Chan in einer Studie vom Dienstag. Diese Branche spüre wegen des gesunkenen Ölpreises Gegenwind.

Linde: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
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Positiver äußert sich Analyst Peter Clark von der französischen Großbank Société Générale. Er beließ trotz Gewinnwarnung seine Kaufempfehlung unverändert und hat ein Kursziel von 190 Euro. Die mittelfristigen Ziele seien allerdings beträchtlich gekappt worden, was bedeuten könne, dass es effektiv kein Wachstum geben werde, schrieb der Experte und verwies besonders auf Investorensorgen um die Preiskürzungen für Leistungen im US-Gesundheitswesen.

Analyst Tim Jones von der Deutschen Bank reduzierte seine Gewinnerwartungen und senkte das Kursziel von 178 auf 170 Euro. Er bezeichnete die Zielsenkung für 2017 als Enttäuschung. Allerdings sieht er immer noch rund 15 Prozent Luft nach oben und beließ es bei einer Kaufempfehlung. Zwar fehlten kurzfristige Treiber, doch hätten die Papiere langfristig Potenzial. Das Geschäftsmodell des Konzerns funktioniere.

Aktie ausgebremst

Die Linde-Aktie, die ihr Jahreshoch am 20. März bei 195,55 Euro hatte, hatte sich von ihrem Sommer-Tief im September bei etwas über 140 Euro zwar mit dem Gesamtmarkt erholt, mit der Gewinnwarnung ist es mit dieser Erholung aber erst einmal vorbei.

Aktuell liegt das Papier mit den hohen zweistelligen prozentualen Verlusten bei rund 142 Euro und orientiert sich damit klar am Jahrestief. In den kommenden Handelstagen wird sich ein Kursboden bilden müssen, basierend auf den neuen Gewinnerwartungen des Marktes. Bereits am Montag schloss die Aktie nach einem negativen Analystenkommentar der Citigroup gegen den Markt 1,8 Prozent schwächer bei 165,25 Euro.

rm

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