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Banken

Deutsche Bank-Chef John Cryan auf der Pressekonferenz im Oktober 2015

Verlust nicht auszuschließen

Deutsche Bank stimmt auf weiteres Krisenjahr ein

von Notker Blechner

Stand: 28.01.2016, 16:20 Uhr

Der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan sieht sich persönlich verantwortlich für den Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro 2015. Deshalb streicht er die Boni für den Vorstand. Für 2016 schließt Cryan rote Zahlen nicht aus. Die Aktie sackt weiter ab.

Auf der zweieinhalbstündigen Bilanzpressekonferenz gab sich der 54-jährige Brite transparent und versuchte auf alle Fragen der Journalisten zu antworten. Er gestand, dass der Aktienkurs bedenklich sei. Aber: "Wir sollten nicht versuchen, den Aktienkurs zu managen, wir sollten versuchen, die Bank zu managen."

"Spätestens 2018 wieder clean!"

Er bat Öffentlichkeit, Mitarbeiter und Aktionäre um einen Vertrauensvorschuss. "Wir alle wissen, dass eine Restrukturierung sehr herausfordernd sein kann", sagte er. Sie brauche Zeit, Entschlossenheit und Geduld. Der Umbau werde gut 18 bis 24 Monate dauern. "Unser Ziel ist, dass wir spätestens 2018 wieder eine cleane Deutsche Bank haben", versprach Finanzvorstand Claus Schenck. Bis dahin sollen die Altlasten abgearbeitet und die Trennung von der Postbank vollzogen sein.

Weitere Milliardenkosten drohen

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Das Jahr 2016 werde zum Höhepunkt der Restrukturierung. Die Sanierung soll nochmals eine Milliarde Euro kosten, warnte der deutsche Branchenprimus. Die Einsparungen reichten voraussichtlich nur, um den Kostendruck abzufedern. Hinzu kämen weitere Rückstellungen für die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten, in die das Geldhaus verwickelt ist. Immerhin: Sie dürften in diesem Jahr geringer ausfallen als 2015. Im vergangenen Jahr hatte die Bank 5,2 Milliarden Euro für mögliche Strafen und Vergleiche von juristischen Auseinandersetzungen zur Seite gelegt.

Erneut rote Zahlen in diesem Jahr können Cryan & Co nicht ausschließen. "Wir streben aber keinen Verlust an", betonte Finanzvorstand Marcus Schenck.

6,8 Milliarden Verlust 2015

2015 machte die Deutsche Bank mit 6,8 Milliarden Euro den größten Verlust in ihrer Geschichte. Das Minus fällt somit noch einen Tick höher aus als ursprünglich angekündigt. Vor einer Woche hatte das Frankfurter Geldhaus einen Rekordverlust von 6,7 Milliarden Euro angekündigt. Vor Steuern belief sich der Verlust auf 6,1 Milliarden Euro.

Selbst das Kerngeschäft, das Investmentbanking, erweist sich nicht mehr als Stütze. Im vierten Quartal machte die Sparte einen Vorsteuerverlust von knapp 1,2 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte es noch einen Gewinn von rund 300 Millionen Euro gegeben. Selbst die Erträge bröckeln, sie schrumpften um 30 Prozent. Einbußen erlitt die Sparte im Anleihen- und Aktienhandel als auch im lukrativen Beratungsgeschäft. Die Bank räumte ein, in bestimmten Bereichen Marktanteile zu verlieren.

Hier will Cryan gegensteuern und wieder angreifen. "Wir sind entschlossen, in unsere Mitarbeiter in Research und in Sales zu investieren, um Marktanteile zurückzugewinnen", betonte Cryan. Um den Handel mit festverzinslichen Wertpapieren mache er sich weniger Sorgen. Hier habe sich die Bank ohnehin entschieden, sich aus kapitalintensiven Bereichen zurückzuziehen. Die Deutsche Bank betreibt ohnehin seit geraumer Zeit keinen Eigenhandel mehr

Privatkundengeschäft ebenfalls nicht rentabel

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
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Auch das Privatkundengeschäft schrieb im vierten Quartal einen Verlust vor Steuern von 675 Millionen Euro - nach einem Minigewinn von acht Millionen im Vorjahreszeitraum. Hier schlugen ebenfalls Restrukturierungskosten zu Buche.

Die harte Kernkapitalquote, die das eigene Kapital ins Verhältnis zu den Risikopositionen setzt, sackte im vergangenen Jahr um 0,6 Prozentpunkte auf 11,1 Prozent ab. Die zweite wichtige Kapitalkennziffer, die so genannte Leverage Ratio (Verschuldungsquote), blieb stabil bei 3,5 Prozent.

Deutliche Einschnitte bei Boni

Als Konsequenz aus dem Rekordverlust wird der gesamte Vorstand auf Boni verzichten. Auch der Bonuspool für die Mitarbeiter werde kleiner. "Wir bezahlen weniger als die internationale Konkurrenz, aber ich glaube, die meisten verstehen das", erklärte Cryan. Einen Bedarf für eine Kapitalerhöhung 2016 sieht der Brite nicht.

Die endgültigen Zahlen und der Ausblick kommen an der Börse schlecht an. Die Aktie der Deutschen Bank rutschte erneut um über vier Prozent ab und rangierte lange Zeit am Dax-Ende. Das Schlussquartal sei enttäuschend verlaufen, meinte Analyst Philipp Häßler von Equinet. Analyst Andrew Cooms von der Citigroup zeigte sich besorgt über die hohen Kosten für Rechtsstreitigkeiten. Dies mache wahrscheinliche doch eine Kapitalerhöhung notwendig.

Kein Übernahmekandidat

Als Übernahmekandidatin sieht sich die Deutsche Bank nicht. "Das ist nichts, womit wir derzeit all zu viel Zeit verbringen", sagte Cryan. Die Bankenaufseher wurden ohnehin riskante Großfusionen kritisch beurteilen.

Wann genau die Deutsche Bank die Postbank abnabelt, blieb offen. Laut Finanzvorstand Schenck kann es in diesem oder auch erst im nächsten Jahr dazu kommen. "Das machen wir abhängig von der Entwicklung der Postbank und der Märkte." Die Deutsche Bank hatte im April beschlossen, sich von ihrer Postbank-Mehrheit zu trennen - am liebsten über einen Börsengang.

"Ich kann mehr als aufräumen!"

Seinen Ruf als Sanierer würde Cryan am liebsten loswerden. "Eine deutsche Zeitschrift hat mich "Der eiskalte Aufräumer" genannt - hoffentlich hat meine Frau das nicht mitbekommen." Dann  versprach er den Journalisten: "Ich kann mehr als aufräumen." Bitte, Herr Cryan, liefern Sie!

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