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Interview

Börsen-Moderator Friedhelm Busch

"Früher hatte die Aktie noch Sex"

Ex-Telebörse-Moderator Friedhelm Busch hat von Beginn an die Höhen und Tiefen des Dax durchlebt. Im Interview erinnert er sich an den ersten Handelstag, das Zettel-System der Händler und den größten Crash im Oktober 1989. Busch kritisiert vehement die Einführung der Computerbörse, trauert über die Flucht der Kleinanleger und erklärt, warum der Dax nicht mehr alt werden wird.

Friedhelm Busch. | Quelle: picture-alliance/dpa

boerse.ARD.de: Am 1. Juli wird der Dax 25 Jahre - ist das für Sie ein Grund zum Feiern?

Friedhelm Busch: Nein, ich sehe keinen Grund zum Feiern. Früher hatte die Aktie noch Sex, jetzt ist alles Computerhandel. Der Dax hat sich von einer Versteigerungs-Börse zur Computer-Börse verwandelt, in der der Faktor Mensch keine Rolle mehr spielt. Das ist eine schlechte Entwicklung sowohl für Kleinanleger als auch für die Aktie.

boerse.ARD.de: Sie bedauern also die Einführung des Xetra-Handels…

Busch: Eigentlich hat die Computerisierung der Frankfurter Börse schon mit dem Ibis-Handel begonnen. Schon damals wurde viel in Richtung Maschine geschoben. Die Händler auf dem Parkett verloren an Bedeutung.

boerse.ARD.de: Also steht für Sie der Dax symbolisch für das Ende des Parketthandels?

Busch: Viele Marktteilnehmer sagten mir damals, der Dax ist der Tod der Parkettbörse. Sie haben Recht behalten. Mit dem Dax und Xetra verschwand allmählich das System der Zettelwirtschaft, in dem Kauf- und Verkaufsorders als Zettel aufs Parkett getragen wurden.

boerse.ARD.de: Aber im System der Zettelwirtschaft gab es doch viel mehr menschliche Pannen - falsch aufgeschriebene Zahlen oder ein irrtümliches Aktienkürzel…

Busch: Ja, beim alten Zettel-System, das bis in die 90er Jahre hielt, gab es viele unsinnige Börsenbewegungen und mitunter auch Panik. Mit der Computerisierung sind solche Entwicklungen nicht mehr möglich. Dafür aber hat die Technik das Gehirn verdrängt. In Billionstel Sekunden handeln Computersysteme eine Vielzahl von Aktien und haben den Menschen herausgefiltert.

boerse.ARD.de: Sie waren bei der Einführung des Dax am 1. Juli 1988 live dabei. Wie haben Sie den ersten Handelstag erlebt?

Busch: Mit großer Erleichterung. Denn die Monate zuvor war die Börse umgebaut worden. Das war mit Staub und Dreck verbunden. Zudem wurde zur Einführung des Dax eine große Kurstafel in Betrieb genommen, die mir die tägliche Berichterstattung einfacher machte. Vorher musste ich ständig zu den Kursmaklern hinunterlaufen, um die Kurse zu notieren. Jetzt konnte ich alles bequem von der Tafel ablesen - und die Kursschwankungen im Fernsehen sichtbar machen. Das machte die Berichterstattung anschaulicher. Vorher durfte man ja nicht einmal mit der Kamera aufs Parkett gehen. Die Deutsche Börse fürchtete, dass man den Kursmaklern über die Schulter schauen könne.

boerse.ARD.de: Wie kam denn eigentlich der Dax zu seinem Namen?

Busch: Ich, Artur Fischer von der Deutschen Börse und Manfred Zaß von der DGZ-Bank und vom Börsen-Aufsichtsrat standen damals zu Dritt vor der neuen Kurstafel. Ich fragte sie: "Wie soll nun der Index heißen?" Na, DAI (Deutscher Aktienindex) soll er heißen, meinte Herr Fischer. "DAI?", fragte ich mich verwundert. Das klinge doch viel zu japanisch, fand ich und dachte an japanische Aktien wie Daiichi. Daraufhin schritt Herr Zaß ein und schlug vor, den Index doch einfach Dax zu nennen. So war der Name des Deutschen Aktienindex geboren.

boerse.ARD.de: Sie haben den Dax jahrelang hautnah miterlebt - als Moderator der Telebörse bei Sat.1 und dann n-tv. Was waren für Sie die schlimmsten Momente?

Busch: Der schlimmste Moment für mich war der Crash am 16. Oktober 1989. Nach der geplatzten Übernahme von United Airlines in den USA war am Freitag der Dow massiv eingebrochen, erholte sich dann aber bis zum Handelsende wieder. Deutsche Privatanleger waren jedoch bereits am Freitagnachmittag in Panik verfallen und hatten massenhaft Verkaufsorders für die kommende Woche gestellt. So war es zu Handelsbeginn am Montag stundenlang unmöglich, erste Kurse zu ermitteln. In dieser Phase appellierte ich an die Kleinanleger, ihre Verkaufsorders zurückzuziehen, und beschimpfte sie. Doch es war zu spät. Die Verkaufswelle rollte, der Dax stürzte um über zwölf Prozent ab, bis die Profis einschritten und den Dax stützten. Die Kleinanleger haben an diesem Tag Millionen verloren. Viele haben mir später gesagt, dass sie ihre Verkaufsorders stoppen wollten, aber die Banken wären nicht erreichbar gewesen. Mit der Computerbörse wäre so etwas nicht passiert.

boerse.ARD.de: Gab's noch andere Crashs, die Sie in schlechter Erinnerung haben?

Busch: Ich habe beim WDR 1968 mit der Börsenberichterstattung angefangen. Außer der Kuba-Krise habe ich also alle Krisen nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt. Am meisten geärgert habe ich mich natürlich über den Neuen Markt. Ich habe schon früh vor den Spekulationsblasen in diesem Segment gewarnt. Während andere Medien die IPOs im Neuen Markt überschwänglich begleiteten, habe ich Interviews mit Managern von Neuer-Markt-Firmen abgelehnt und weiter für goldgeränderte Standardwerte im Dax geworben.

boerse.ARD.de: Woran erinnern Sie sich besonders gern?

Börsensaal 1988

Börse Frankfurt Börsensaal 1988. | Quelle: picture-alliance/dpa

Busch: Für mich war die Zeit mit den Händlern und Maklern eine enorme Bereicherung. Ich habe viel von ihnen gelernt. Früher kamen die Händler und Makler mit viel aktuellem Wissen aufs Parkett. Denn bevor sie im Handelssaal einliefen, wurden sie unter anderem von Volkswirten gebrieft, die ihnen sagten, wie die Wirtschaft heute läuft. Nach der Abschaffung des Präsenzhandels wurden die Gespräche mit den Marktteilnehmern unergiebig. Viele wussten wenig - außer Fidel Helmer von Hauck & Aufhäuser. Aber den konnte ich ja nicht jeden Tag interviewen...

boerse.ARD.de: Es gab doch noch "Mister Dax"…

Busch: Dirk Müller wurde von den Medien hochgejubelt. Er fiel auf wegen seiner Frisur und weil er strategisch günstig für die Kameras saß, die den Dax-Kurs aufnahmen.

boerse.ARD.de: Was hat sich geändert in den 25 Jahren Dax außer der Einführung des Computerhandels?

Busch: Man sollte den Dax nicht überbewerten. Letztlich ist er nur ein Anhängsel von New York. Der Dax hat kein Eigenleben mehr. Das sieht man besonders ab dem Mittag. Oft wechselt er unvermittelt seine Richtung, weil die Futures auf Dow und S&P 500 drehen. 1988 war die Abhängigkeit noch nicht ganz so groß. Aber: Frankfurt war immer eine kleine Börse, abhängig vom Ausland.

boerse.ARD.de: Was hat sich zum Positiven geändert?

Busch: Die Information hat sich scheinbar verbessert. Aber inzwischen gibt es zu viel. Wer braucht denn wirklich vierteljährliche Quartalsberichte? Keine Firma ist so konstruiert, dass sie alle drei Monate sinnvolle Bilanzen vorlegen kann. Das heißt: Wir bekommen viele Informationen, die unsinnig sind. Insofern bräuchten wir statt Informationen mehr Erklärungen. Doch das Privatfernsehen ist nicht in der Lage, solche Hintergründe anzubieten. Vielleicht am ehesten noch die ARD.

boerse.ARD.de: Was bedauern Sie am meisten, wenn Sie 25 Jahre Dax Revue passieren lassen?

Busch: Das Verschwinden des deutschen Kleinanlegers. Der ist seit der geplatzten Blase am Neuen Markt weg. Trotz Inflation und Niedrigzinsen - man bekommt den Kleinanleger nicht mehr zurück an die Börse. Er hört nicht mehr zu. Kein Wunder, viele Privatanleger waren zur Jahrtausendwende fast Millionär und verloren dann alles wieder. Man müsste eigentlich heute wieder bei Null anfangen und die Telebörse neu entwickeln.

boerse.ARD.de: Was wünschen Sie dem Dax zum 25. Geburtstag?

Busch: Ich wünsche dem Dax ein ruhiges Leben. Er wird sicher nicht sehr alt werden. Ich hoffe, dass er noch etwas länger als zehn Jahre existiert. Ich kenne die Bemühungen der Deutschen Börse, den Dax abzuschaffen. Der einstige Vorstandschef Werner Seifert wollte anno 2000 den Dax an die Briten verkaufen. Stattdessen wollte er das Neue-Markt-Segment aus London nach Frankfurt holen. Zum Glück ist Seifert mit seinen Plänen gescheitert.

boerse.ARD.de: Haben Sie in Ihren vielen Jahren als Börsenberichterstatter schon einmal erlebt, dass der Dax so stark vom Wohl und Wehe der Notenbanken getrieben ist?

Busch: Nein, ich dachte anfangs, die Europäische Zentralbank funktioniert nach dem Vorbild der Bundesbank. Da habe ich mich getäuscht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Politik so skrupellos ist und Verträge wie Maastricht bricht.

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Busch: "Wer einmal in den Puff gegangen ist, wiederholt das ein zweites oder drittes Mal" - heißt es.

boerse.ARD.de: Rechnen Sie bald mit dem großen Knall?

Busch: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Es wird so weitergehen.

boerse.ARD.de: Setzen Sie persönlich noch auf Dax-Aktien?

Busch: Ja, ich halte Aktien, die langfristige Gewinne versprechen. Dazu gehören vor allem Dax-Werte, weil ich mehr über diese Firmen in den einschlägigen Medien lesen kann. Bei US-Firmen ist es schwieriger, an Informationen heranzukommen.

Zwischen Gummibärchen und Smarties - Gespräch mit Fidel Helmer

Das Gespräch führte Notker Blechner.

Stand: 26.06.2013, 09:29 Uhr

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