Seitenueberschrift
Von Krisen und Knappheit
Heikle Balance am Ölmarkt
von Thomas Spinnler
Genau wie der Preis für Industriemetalle hängt auch der Ölpreis vor allem an der Konjunkturentwicklung. Das Preisniveau ist derzeit bereits hoch und das dürfte wohl auch so bleiben. Viel Luft nach oben ist eigentlich nicht mehr – wenn Krisen und Kriege ausbleiben.
Immer kräftig pumpen: Ohne Öl steht die Welt still
Alle Welt stöhnt über die hohen Ölpreise: Ob Fluggesellschaften, Autofahrer oder energieintensive Industrien. Zu Recht, denn wie die Fachleute der NordLB ausgerechnet haben, wird im jetzt zu Ende gehenden Jahr bei der Nordseesorte Brent ein "rekordverdächtiger Durchschnittspreis von 112 Dollar" je Barrel (159 Liter) zu Buche schlagen. Im vergangenen Jahr habe der Preis bei 111 Dollar gelegen. Das ist misslich, denn zuletzt ist Brent immer mehr zum globalen Vergleichsmaßstab geworden, weiß Ole Hansen, Rohstoffexperte der Saxo Bank.
Hinter dem Durchschnittspreis verbirgt sich allerdings eine Dynamik und Dramatik, die den Ölmarkt schwer ausrechenbar macht. Im ersten Quartal war der Preis bis weit über 120 Dollar gestiegen - das Atomprogramm im Iran hatte die Märkte aufgescheucht, die Eurokrise wirbelte sie durcheinander. Und großzügige Notenbankoperationen bestimmten den Preis im zweiten Halbjahr - mit einem Riesenknick in der Mitte.
"Fundamental gut versorgt"
Daran erkennt der Anleger bereits, wie schwierig eine fundierte Zukunftsprognose zu treffen ist. "Die Einflussfaktoren auf den Brentpreis in 2013 sind ähnlich zahlreich wie bereits im Jahr 2012, so dass wir auch im neuen Jahr von einem erhöhten Prognoserisiko ausgehen", schreibt NordLB-Analyst Frederik Kunze. Aber relative Einigkeit herrscht unter Fachleuten zumindest in einem Punkt: Mit signifikant sinkenden Notierungen ist auch 2013 kaum zu rechnen. Mit riesigen Anstiegen allerdings auch nicht.
Als Preistreiber könnten sich politische Risiken erweisen. Neben den naturgemäß noch unbekannten Themen zählen dazu Krisen im Nahen Osten oder im Iran. Irgendwo brennt es jedenfalls fast immer. Aber es gibt durchaus auch Argumente für fallende Notierungen: Für sinkende Preise könnte laut LBBW-Analyst Frank Klumpp sprechen, dass der Ölmarkt fundamental gesehen gut versorgt ist: "Die Lagerbestände sind gut gefüllt."
Saudi Arabien bald auf Rang zwei
Postbank-Experte Thilo Heidrich sieht einen weiteren Faktor, der eventuell den Preis drücken könnte: "Die starke Ausweitung des Angebots könnte den Ölpreis mittel- und sogar langfristig deckeln", schreibt er in einem Marktkommentar. Heidrich verweist auf neue Fördertechniken, die es ermöglichen, Öl aus dichten und schwer zugänglichen Gesteinsschichten zu fördern. Schließlich werden die USA deshalb bis spätestens Mitte der 2020er Jahre Saudi-Arabien als größtes Ölförderland der Welt ablösen.
Hansen teilt diese Ansicht: "Die neuen Produktionstechnologien werden das weltweite Angebot 2013 stark ausweiten und zusätzliche massive Preissteigerungen verhindern", glaubt der Rohstoffexperte der Saxo-Bank. Auch die Helaba sieht das so: "Das Rohölangebot wird 2013 wahrscheinlich deutlicher über dem Verbrauch liegen als im laufenden Jahr", erwartet Heinrich Peters.
Auf die Konjunktur kommt's an
Allerdings ist der Ölpreis letztlich nicht gerade ein reinrassiger Marktpreis, sondern auch ein politisch gewollter und bestimmter: "Marktteilnehmer ergreifen stets Maßnahmen, wenn der Preis langfristig in eine bestimmte Richtung zu entgleiten droht", sagt Hansen. Steige der Ölpreis massiv, werde etwa die Fördermenge erhöht oder von manchen Staaten die Freigabe strategischer Reserven erhoben. Sinkt der Preis, wird demzufolge das Produkt verknappt.
Ein Spieler wie die OPEC (Organization of the Petroleum Exporting Countries) agiert zwar erfahrungsgemäß nicht gerade immer mit einer Stimme, aber trotzdem verfügt die Organisation Erdöl exportierender Staaten über eine nicht zu unterschätzende Marktmacht.
Angesichts der Fülle der Faktoren drängt sich die Frage auf: Womit rechnen, worauf sich verlassen? "Für die reale Nachfrage nach Rohöl ist die globale Konjunkturentwicklung nach wie vor die bestimmende Größe", stellt NordLB-Analyst Kunze fest. "Auf zwei Jahre mit sinkenden realen Wachstumsraten dürfte die Weltkonjunktur 2013 wieder etwas stärker wachsen", meint Frank Klumpp von der LBBW. "Dies dürfte auch die Ölnachfrage entsprechend positiv beeinflussen", so Klumpp.
"Ein breites Band"
Was heißt das für den Preis? Commerzbank-Kollege Eugen Weinberg meint: "Die Ölpreise dürften 2013 steigen." Weinberg erwartet einen Brent-Preis von 125 Dollar zum Jahresende 2013. Postbank-Fachmann Heidrich geht von einem moderaten Anstieg aus und sieht den Ölpreis dann bei 120 Dollar. Klumpp rechnet damit, dass er "in einem breiten Band" seitwärts tendiert.
| Pro | Contra |
|---|---|
| - Wenn die Konjunktur tatsächlich anspringt, steigt die Nachfrage | - Politische Risiken sind unberechenbar |
| - Zentralbanken fluten Märkte mit Liquidität, um Konjunktur anzutreiben | - Konjunkturlage derzeit zumindest nicht eindeutig vorhersehbar |
| - Ölproduzierende Länder an sinkenden Notierungen nicht interessiert | - Moderne Fördertechniken lassen Angebot steigen |
| - Steigender Energiehunger in China und in Schwellenländern stärkt Nachfrage | - Eurokrise weiterhin ungelöst |
Allerdings arbeiten die Fachleute aus den genannten Gründen auch gerne mit Preisspannen. Die Analysten von Morgan Stanley erwarten eine Bandbreite zwischen 95 und 130 Dollar. DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier engt die Spanne etwas ein: "Der Ölmarkt befindet sich in einem labilen Kräftegleichgewicht von "Preisbremsen" und "Preistreibern", die den Ölpreis in der Handelsspanne von 100 bis 120 US-Dollar festhalten." Jedenfalls wenn kein arabischer Frühling oder keine Krise im Nahen Osten dazwischenkommt.
Stand: 21.12.2012, 16:42 Uhr
- "Öl wird so teuer, bis es weh tut", 18.07.2005 | mehr
- Ölpreis spiegelt schwache Konjunkturerwartungen, 26.10.2012 | mehr
- Ring! Ring! Ölpreisanstieg rüttelt Anleger wach, 19.11.2012 | mehr
- Sorgen am Ölmarkt - Goldman warnt, 24.02.2011 | mehr
- Warnsignal vom Ölmarkt, 26.09.2012 | mehr
- Brent-Öl wird zum Liebling der Chinesen, 03.04.2012 | mehr