Underground-Schild vor Big Ben in London

May verliert Vorsprung - Pfund taumelt Großbritannien-Wahl: Harter oder softer Brexit?

Stand: 06.06.2017, 12:52 Uhr

Der Brexit kommt, so oder so. Daran wird die Wahl in Großbritannien am Donnerstag nichts ändern. Aber der Wahlausgang entscheidet, ob der Brexit hart oder weich ausfällt. Das Pfund zittert bereits.

Natürlich weiß man, was Umfragen heutzutage wert sind. Aber doch schauen alle hin, und an den Finanzmärkten wird man nervös angesichts der neuesten Umfragewerte in Großbritannien. Demnach muss Premierministerin Theresa May um ihre Mehrheit im Unterhaus bangen, der einst deutliche Vorsprung ihrer Tories ist kräftig geschrumpft. Einige Demoskopen prognostizieren sogar einen Verlust der absoluten Mehrheit bei den Parlamentswahlen am 8. Juni. Das schürt die Unsicherheit. Und Unsicherheit mag niemand an der Börse.

May ohne starken Auftritt?

Zwar wird das Wahlergebnis die bestehende Verunsicherung kaum abmildern. Denn das eigentlich Wichtige sind die Brexit-Verhandlungen, und da geht es frühestens am 19. Juni weiter. Aber das Wahlergebnis entscheidet darüber, wie die Verhandlungen geführt werden. Wenn Mays konservative Partei möglicherweise nicht die überwältigende Mehrheit erreicht, kann sie auch bei den Brexit-Verhandlungen nicht stark auftreten, erklären die Analysten von Jupiter Asset Management. Zuvor wurde den Konservativen eine Mehrheit von mindestens 100 Sitzen zugetraut, inzwischen sind es 50 Sitze. Und der Vorsprung könnte in der verbleibenden Zeit noch weiter schrumpfen.

»Vor dem Hintergrund reflektiert die Abwertung des britischen Pfunds die Sorge, dass die konservative Partei unter der Führung von Theresa May möglicherweise nicht die überwältigende Mehrheit erreichen könnte, die sie benötigt, um bei den Brexit-Verhandlungen stark aufzutreten. Und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die britische Wirtschaft sich spürbar verlangsamt.«

Alastair Gunn und Rhys Petheram, Jupiter AM

Pfund zittert

An den Devisenmärkten schwankte das Pfund Sterling in der vorigen Woche heftig - abhängig von den jeweiligen Umfrage-Ergebnissen. Am Freitag kostete die Währung 1,2882 Dollar. Die Wetten auf einen erneuten Kurssturz des Pfund erreichten den höchsten Stand seit fast acht Monaten.

ARD-Börsenstudio: Konrad Busen

Börse 14.00 Uhr: UK-Umfragen belasten Pfund

Morgan Stanley hat seine Prognose für das Pfund im Vorfeld der Wahlen drastisch zusammengestrichen. "Damit das Pfund besser läuft, müssten die Brexit-Verhandlungen konstruktiv werden", heißt es in einer Studie der Bank. Laut der neuen Prognose dürfte das Pfund sein Hoch nächstes Jahr im ersten Quartal bei 1,26 Dollar erreichen, und bis zum Jahresende bis auf 1,23 Dollar zurückfallen.

Ganz anders im März, als das Pfund auf ein Tief von 1,20 Dollar gesunken war und Morgan Stanley mit seiner ausgefallenen Prognose für Aufsehen gesorgt hatte: 1,45 Dollar lautete da noch die Prognose der US-Investmentbank für Ende 2018.

»Das Bullen-Szenario für das Pfund ist nicht mehr so überzeugend, jetzt, da die Wirtschaft Zeichen von Schwäche zeigt. Damit das Pfund besser läuft, müssten die Brexit-Verhandlungen konstruktiv werden, so dass die Märkte davon ausgehen können, dass der britischen Wirtschaft kein harter Brexit-Absturz droht.«

Morgan Stanley Report

Aktienmärkte bleiben ruhig

Am Aktienmarkt war von derartiger Nervosität nichts zu spüren. Der britische Aktienindex FTSE 100 notiert heute nahezu unverändert, hatte gestern gerade einmal 0,3 Prozent nachgegen, nach dem Attentat vom Samstagabend in London, bei dem sieben Menschen getötet wurden und das die Extremistenmiliz IS für sich reklamierte.

Der britische Aktienmarkt bleibt nahe seinem in der Vorwoche erreichten Rekordhoch. Der "Footsie" war bis auf 7598,99 Zähler geklettert.

Eine deutliche Mehrheit für die Konservativen von über 50 Sitzen könnte britischen Aktien eine kurzlebige Rally verschaffen, schätzen die Experten von Jupiter AM. "Bei einem wenig wahrscheinlichen Labour-Sieg müssten wir von dramatischeren Ausschlägen ausgehen." Eine neue Labour-Regierung müsste in puncto Brexit bei Null anfangen. Sie hätte sogar weniger Zeit als die Konservativen, ein gutes Ergebnis für Großbritannien zu verhandeln, erklären die Analysten.

Kein Exit vom Brexit

"Der Ausgang der Wahl hat großen Einfluss auf das Ergebnis der Brexit-Verhandlungen", erklärt Rabobank-Volkswirt Stefan Koopman. Sollten die Konservativen auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen sein, werde ein "sanfter Brexit" wahrscheinlicher, bei dem Großbritannien nach einem EU-Austritt den Zugang zum europäischen Binnenmarkt behält.

Ein "Exit vom Brexit" sei aber selbst dann nicht in Sicht, wenn die oppositionellen Liberaldemokraten und die Labour-Partei eine Koalition bildeten.

Aber allzuviel Glauben schenkt man den neuesten Umfrageergebnissen nicht. Unicredit etwa sieht die Konservativen mit großem Vorsprung gewinnen. "Wir glauben, dass die jüngsten Meinungsumfragen die steigende Unterstützung für Labour übertreiben." Das zeige die Entwicklung der letzten sechs Meinungsumfragen.

ARD-Börsenstudio: Konrad Busen

Börse 15.00 Uhr: Brexit-Barometer fällt weiter

Das Brexit-Votum habe gelehrt, Umfragen keinen Glauben zu schenken und keine aggressiven Positionen vor Abstimmungen in Großbritannien einzugehen, sagt auch Währungsstratege Masashi Murata von der Privatbank Brown Brothers Harriman.

Studie: Brexit-Folgen verkraftbar

Die Folgen des britischen EU-Austritts sind nach einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie verkraftbar. Komme es nicht zu einem bilateralen Abkommen zwischen EU und Großbritannien, würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt langfristig lediglich um 0,2 Prozent geringer ausfallen.

"Der Brexit wird auf jeden Fall deutlich teurer für das Vereinigte Königreich als für Deutschland", erklärten die Experten in einem am Freitag veröffentlichten Gutachten des Münchner Ifo-Instituts. Demnach würde die britische Wirtschaftsleistung um 1,7 Prozent schrumpfen. Einigten sich beide Seiten dagegen auf ein umfassendes und ambitioniertes Freihandelsabkommens, würde das britische Bruttoinlandsprodukt nur um 0,6 Prozent und das deutsche um 0,1 Prozent zurückgehen.

Verlierer: Pharma und Maschinenbau

Für einzelne Branchen könnte es aber sehr wohl ungünstiger laufen. Am meisten zu verlieren haben in Deutschland laut der Studie die Pharma-, Kfz- und Maschinenbauunternehmen. Sie exportieren besonders viel auf die britische Insel und würden beispielsweise unter der Einführung von Zollhürden leiden.

Großbritannien ist nach den USA und Frankreich der wichtigste Absatzmarkt für Waren "Made in Germany": Güter im Wert von 86 Milliarden Euro wurden 2016 dort verkauft.

Gewinner: Finanzwerte

Einige wenige Branchen könnten vom Brexit sogar profitieren. "Der Finanzsektor in Deutschland könnte geringfügig gewinnen, doch sind die möglichen Wertschöpfungseffekte in allen Szenarien klein", erwarten die Ifo-Experten. "Im besten Fall beträgt der Zuwachs 0,7 Prozent."

Einige Banken planen, Personal aus der Finanzmetropole London abzuziehen und nach Deutschland zu verlegen, um sich den Zugang zum EU-Markt zu sichern. Für den Finanzplatz London wäre das äußerst negativ. Österreichs Nationalbankchef und EZB-Rat Ewald Nowotny warnte davor, die Gefahren zu unterschätzen. Es könne noch einiges an Verwerfungen geben.

Was passiert bei einem "No Deal"?

Was würde passieren, wenn die Austrittsgespräche scheitern? Merkwürdigerweise erst einmal nichts. Denn nach Artikel 50 EU-Vertrag beträgt die Frist vor dem EU-Austritt zwei Jahre. Großbritannien bliebe damit so oder so bis Mitternacht am 29. März 2019 EU-Mitglied.

Dann würde die Mitgliedschaft aber schlagartig enden. Ohne irgendwelche Vereinbarungen wäre das ein dramatischer Schnitt. Über Nacht würden auf Im- und Exporte zwischen beiden Seiten wieder Zölle erhoben, britische Fluggesellschaften dürften EU-Ziele nicht mehr anfliegen, Banken verlören das Recht, Finanzdienstleistungen in der EU anzubieten. "Britische Exporte von Gütern und Dienstleistungen würden sehr deutlich schrumpfen", heißt es in einer Studie des Londoner Centre for European Reform (CER).

Seine Experten erwarten, dass das Pfund massiv unter Druck gerät, die Inflation steigt und Großbritannien in eine "tiefe Rezession" verfällt. Natürlich wäre ein "ungeordneter Brexit" auch für die EU eine Herausforderung. Produktions- und Lieferketten für Unternehmen in Europa würden durch neue Zollschranken verteuert oder gar unwirtschaftlich. Barrieren zum wichtigen Finanzplatz London würden auch EU-Banken das Geschäft erschweren. Und die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien blieben ebenso ungeklärt wie der Status von 1,2 Millionen Briten auf dem Kontinent. "Ich will mir (...) einen Abbruch der Verhandlungen nicht vorstellen", sagt deshalb der Brexit-Unterhändler der EU, Michel Barnier. Ein "no deal"-Szenario sei für ihn "keine Option".

bs

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