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Geldpolitik

Kuchengrafik zum Anleihekauf der EZB

Ein Jahr Massen-Ankauf der EZB

Geht Draghis Billionenplan auf?

von Ursula Mayer

Stand: 09.03.2016, 08:56 Uhr

Seit einem Jahr kauft die Europäische Zentralbank im großen Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere auf. Das Ziel: Die niedrige Inflation soll anspringen, die Konjunktur angekurbelt werden. Doch der Erfolg lässt bislang auf sich warten, die kritischen Stimmen mehren sich.

Am 9. März 2015 war der Startschuss für das billionenschwere Anleihekaufprogramm (QE). Seitdem nimmt die EZB Monat für Monat 60 Milliarden Euro in die Hand, um Wertpapiere aufzukaufen. Das Programm soll mittlerweile bis mindestens März 2017 laufen und insgesamt ein Volumen von 1,5 Billionen Euro haben.

Marcel Fratzscher DIW Berlin

Marcel Fratzscher, DIW Berlin. | Bildquelle: Unternehmen

Zur Halbzeit ist etwa die Hälfte des Geldes, nämlich 786,8 Milliarden Euro, aufgebraucht. Für gedeckte Schuldverschreibungen (Covered Bonds) wie Pfandbriefe hat die EZB 159,9 Milliarden Euro ausgegeben, für forderungsbesicherte Wertpapiere (Asset Backed Securities) 18,9 Milliarden Euro. Der Löwenanteil entfällt mit 608,0 Milliarden Euro auf den Ankauf von Anleihen öffentlicher Institutionen und Staatsanleihen der Euroländer.

Wird die EZB zur "Bad Bank"?

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Die Wertpapiere trugen 2015 rund 161 Millionen Euro zum Nettozinsergebnis von insgesamt 1,5 Milliarden Euro bei. Unter dem Strich konnte die EZB einen Gewinn von 1,1 Milliarden Euro vorweisen. Auch die Bundesbank, die wie andere nationale Notenbanken an dem Ankaufprogramm beteiligt ist, hatte zuletzt einen Überschuss von 3,2 Milliarden Euro erzielt.

Adalbert Winkler Frankfurt School of Finance

Adalbert Winkler, Frankfurt School of Finance.

"Daraus lässt sich ableiten, dass die EZB keine Bad Bank der Euro-Zone geworden ist", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gegenüber boerse.ARD.de. Das Anleihekaufprogramm mache sich bezahlt. Aber das sei wohlgemerkt nicht das Ziel, das die EZB verfolge, sondern die Preisstabilität. Genauer gesagt, streben die Geldpolitiker eine Teuerung von nahezu zwei Prozent an, um die wirtschaftliche Aktivität zu stimulieren. Zuletzt waren die Verbraucherpreise jedoch sogar um 0,2 Prozent gefallen.

Gefangene der eigenen Ziele

Eine Stellungnahme gibt es dazu von der EZB nicht. Man verweist mit Hinblick auf die anstehende Ratssitzung auf die Schweigepflicht. Adalbert Winkler von der Frankfurt School of Finance and Management zieht ein Jahr nach Start des Programms eine gemischte Bilanz: Weder hätten sich die Hoffnungen erfüllt, noch die Befürchtungen bestätigt. Die Inflationsrate habe sich seitdem kaum verbessert, es habe aber auch keine massive Inflation gegeben, wie zunächst befürchtet.

Volker Wieland Goethe-Uni Frankfurt

Volker Wieland Goethe-Uni Frankfurt. | Bildquelle: Goethe-Uni Frankfurt

Viele Kritiker stellen deshalb bereits das selbst gesteckte Ziel der EZB in Frage. Da der Verfall beim Ölpreis sich so drastisch auswirke, werde die EZB ihr Inflationsziel über einen längeren Zeitraum kaum erreichen, schätzt Claudia Broyer, Volkswirtin der Allianz. Sie fordert: "Die EZB sollte Preisstabilität wieder als eine Inflationsrate von null bis nahezu zwei Prozent definieren, wie sie es bereits bis Mai 2003 getan hat, um wieder flexibler handeln zu können." Das Mandat der EZB neu zu definieren, kommt dagegen für den Volkswirt Winkler nicht in Frage: "Alle anderen möglichen Ziele wären unvereinbar mit der Unabhängigkeit der EZB."

Medizin mit gefährlichen Nebenwirkungen

Die derzeitige Krisenpolitik der EZB hält Marcel Fratzscher vom DIW Berlin für alternativlos. Die positiven Effekte auf die Wirtschaft überwiegen seiner Meinung nach gegenüber den Risiken. Zum Beispiel habe sich die Kreditvergabe verbessert und die EZB habe Vertrauen geschaffen: "Das führt dazu, dass Unternehmen investieren, Arbeitsplätze schaffen, dass es mehr Wirtschaftswachstum gibt und mehr konsumiert wird", sagt er gegenüber boerse.ARD.de. Fratzscher erwartet auch noch eine weitere deutliche Expansion der Geldpolitik.

Ann-Katrin Petersen Allianz Global Investors

Ann-Katrin Petersen Allianz Global Investors . | Bildquelle: Unternehmen

Die EZB sollte ihr Anleihekaufprogramm nicht ausweiten, sondern besser vorzeitig beenden, findet dagegen Volker Wieland, Professor für Geldpolitik der Goethe-Universität Frankfurt. Denn es sei mit großen Risiken verbunden. "Die Volatilität an den Finanzmärkten steigt und es kann zu Überreaktionen kommen", warnt er. Außerdem nutzten die Staaten die Zinsersparnis nicht, um ihre hohen Schuldenstände abzubauen und Reformen umzusetzen. Mario Draghis Medizin hat zahlreiche und gefährliche Nebenwirkungen, findet auch Ann-Katrin Petersen, Kapitalmarktanalystin bei Allianz Global Investors: "Je weiter und tiefer sich die EZB auf unbekanntes Gelände wagt, desto unkalkulierbarer werden die Folgen dieses geldpolitischen Experiments."

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