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Öl und Gas

Gazprom ADR: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 10 Jahre

Warum wird diese Aktie immer wieder gesucht?

Gazprom, eine Lieblingsaktie

Stand: 19.02.2016, 13:00 Uhr

Anleger lieben Gazprom. Es ist eine typische Lieblingsaktie, die bei Investoren immer einen Stein im Brett hat, egal wie schlecht sie gerade läuft. Und Gazprom ist in den letzten fünf Jahren ziemlich schlecht gelaufen. Doch sie ist und bleibt Anlegers Liebling. Woher kommt dieser Reiz?

Liegt es am Glanz aus alten Tagen? Die Gazprom-Aktie übt auf Investoren jedenfalls immer noch eine ganz besondere Faszination aus. Sie gehört allmonatlich zu den Favoriten bei boerse.ARD.de - zu den meist gesuchten Aktien auf unserer Webseite. Und das trotz der teils immensen Kursverluste. Allein in den letzten fünf Jahren hat die Aktie rund 70 Prozent an Wert verloren.

Längst vorbei die Glanzzeiten 2006 bis 2008. Damals lag der Kurs bisweilen über 20 Euro. Heute ist die Aktie nur noch ein gutes Sechstel dessen wert. 3,20 Euro kostet das Papier aktuell, womit Gazprom nur noch gut 70 Milliarden Euro auf die Börsenwaage bringt. Es handelt sich bei nebenstehemden Gazprom-Kurs um das so genannte ADR - also ein Konstrukt, das den Zugriff auf Stammaktien ermöglicht.

Der Kurs hat in den letzten beiden Jahren unter der Russlandkrise und den damit verbundenen Sanktionen sowie im Zuge der allgemeinen Schwäche von Energieaktien aufgrund der fallenden Rohstoffpreise arg gelitten. Warum suchen Anleger dennoch immer wieder die Nähe zu der Aktie?

Gefallene Engel und der Hang zu Größe

Da kommen bei Gazprom mehrere Faktoren in Betracht. Zum einen haben Anleger ein Faible für vermeintlich "Gefallene Engel", ehemalige Überflieger, denen sie eine Art Wiederauferstehung zutrauen. Da wird gern der Turnaround bei den Öl- und Gaspreisen auf dem Weltmarkt bemüht, auf die großen finanziellen Reserven von Gazprom verwiesen, mit denen der Konzern seinen Marktanteil ausbauen könnte, oder auf die vermeintlich günstige Bewertung der Aktie.

Anleger hegen zudem eine Faszination für Größe. Und da hat Gazprom trotz ses Niedergangs an der Börse einiges zu bieten: Es ist der größte Erdgaskonzern der Welt. Der russische Gigant besitzt über ein Viertel der weltweit bekannten Gas-Vorkommen. Zudem verfügt Gazprom über das Monopol zum Gas-Export aus Russland und fördert insgesamt 90 Prozent des russischen Erdgases. Der Konzern ist ein wichtiger Handelspartner für viele Staaten, vor allem in Westeuropa. Beeindruckend auch das Pipelinenetz: Mit den mehr als 160.000 Kilometern kommt man rund viermal um die Erde.

Zum Gazprom-Imperium gehören obendrein nicht nur Erdgas, Pipelines und Beteiligungen im Öl- und Strombereich, sondern auch Medien- und Telekommunikationsunternehmen sowie Kreditinstitute. Mit mehr als 350.000 Mitarbeitern ist der 1992 in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Konzern ein Koloss.

Gazprom Arbeiter schließt eine Leitung in einer Anlage

Mit rund 48.000 Milliarden Kubikmetern Erdgas verfügt Russland weltweit über die größten Gasreserven, Gazprom ist deren Hüter. | Bildquelle: Unternehmen

Wenig Transparenz, viel Staat

Offenbar hat auch die Nähe zum Staat der Faszination für Gazprom keinen Abbruch getan. Der Konzern wird mehrheitlich vom russischen Staat kontrolliert, dem 50 Prozent plus eine Aktie am Konzern gehören. Er gilt als politisch gesteuert und mischt sich mit wirtschaftlichen Entscheidungen in die Politik ein. Chef des Konzerns ist Alexei Miller, ein enger Vertrauter von Staatspräsident Putin.

Wenn es um Transparenz geht, hat das Unternehmen wie viele andere russischen Firmen große Defizite. Die Eigentümerstruktur bleibt undurchsichtig. Die Interessen von Minderheitseignern, also Kleinanlegern, spielen keine Rolle. Analysten monieren, dass der Konzern bis heute eher wie eine Behörde verwaltet, als wie ein Unternehmen geführt wird. Der Koloss - wie für einen Monopolisten üblich - bewegt sich auf dem Markt träge und wenig effektiv. Dabei diktiert er die Preise, zwingt zur Abnahem fester Mengen, was auch die EU auf den Plan gerufen hat.

Verluste im dritten Quartal

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
49,53
Differenz absolut
0,32
Differenz relativ
+0,65%
Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
49,52
Differenz absolut
0,27
Differenz relativ
+0,55%

So richtig schlecht sehen Gazproms Geschäfte trotz Russland- und Rohstoffkrise auf den ersten Blick gar nicht aus. Die andauernde Rubel-Schwäche half in den ersten neun Monaten zu einem Nettogewinn von 169,7 Milliarden Rubel, umgerechnet rund 2,4 Milliarden Euro – fast fünfmal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Weil der Konzern so viel Gas ins Ausland verkauft und die Rechnungen in US-Dollar beglichen werden, fallen die Einnahmen wegen der Rubel-Schwäche bei der Umrechnung in Rubel entsprechend größer aus. Neben der Rubel-Schwäche nannte Gazprom Verträge aus Immobiliengeschäften und "Beteiligungen an anderen Unternehmen" als Gewinntreiber. Das hat die gefallenen Öl- und Gaspreise bislang überkompensiert.

Doch der Konzern gibt sich offenbar gern kraftvoller als er ist. Wie die Wirtschaftszeitung "Wedomosti" Anfang des Jahres berichtete, machte Gazprom im dritten Quartal 2015 umgerechnet etwa 24 Millionen Euro Verlust wegen des stark eingbrochenen Preises für Exportgas. Und das dicke Ende könnte erst noch folgen: Experten rechnen mit einem weiteren Verfall des Gaspreises, da er dem Ölpreis in der Regel mit sechs bis neun Monaten Abstand folgt.

Eine sehr riskante Aktie

Der Konzern steht vor einigen Herausforderungen. Im Kreml wird nun tatsächlich über eine Reform der Gasbranche nachgedacht. Eine Idee ist, Gazprom aufzuspalten in mehrere Fördereinheiten sowie ein Unternehmen, das das Pipelinenetz verwaltet. Dann würde das Exportmonopol fallen. Experten sehen aber noch eine viel größere Herausforderung: den Mangel an Innovationen und die notwendige Modernisierung der Infrastruktur.

Wer in der Gazprom-Aktie ein Schnäppchen sieht, sollte aufpassen, dass er sich an dieser Aktie nicht die Finger verbrennt. Es handelt sich um ein höchst riskantes, politisch gesteuertes Unternehmen, von dem mittel- bis langfristig orientierte Privatanleger die Finger lassen sollten.

bs

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