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Energie

 Peter Terium, Vorstandsvorsitzender von RWE

RWE vor Radikalkur

"Es geht ums Überleben"

Stand: 19.07.2015, 16:26 Uhr

Beim RWE-Konzern dürfte bald kein Stein mehr auf dem anderen stehen. Angesichts der Flaute im Kraftwerksgeschäft muss Firmenchef Peter Terium den schwerfälligen Konzern neu aufstellen.

Der RWE-Konzern will seine Firmenstruktur deutlich straffen. Bereits am 10. August soll Firmenchef Peter Terium nach Informationen aus Anlegerkreisen bei einer Sondersitzung des Aufsichtsrates ein Umbauprogramm unter dem Stichwort "Parent" vorlegen. Dies verlautete am Wochenende. Entsprechend Pläne kursieren schon länger.

Etwa ein Drittel der rund 100 Töchter und Einheiten sollen dabei gebündelt oder verschmolzen und die Essener Zentrale gestärkt werden. "Das wäre eine Revolution für RWE - und die ist lange überfällig", sagen kritische Beobachter wie Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Schon lange werfen Kritiker dem Konzern vor, die Energiewende verschlafen zu haben, auch wegen der viel zu langen Entscheidungswege im Konzern. Ein weiterer Arbeitsplatzabbau ist vorerst nicht geplant. RWE hat bereist 11.000 Stellen abgebaut, aktuell arbeiten noch 60.000 Mitarbeiter für den Dax-Konzern.

"Es geht ums Überleben"

Deutlicher geht es nicht mehr. Der Chef der Kraftwerkssparte, Matthias Hartung, warnte auf der Pressekonferenz der Sparte in der vergangenen Woche mit diesen Worten eindringlich vor der aktuellen Entwicklung. Die RWE-Gewinne aus den Kohle- und Gaskraftwerken - wichtiger Ertragsbringer für den ganzen Konzern - rauschen immer mehr in den Keller und nähern sich bis 2017/2018 der Nulllinie.

Seit der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 sowie dem Absturz des Strompreises an den Börsen im Zuge der Energiewende, ist das etablierte Geschäftsmodell des Konzerns gehörig unter Druck geraten. Das betriebliche Ergebnis sackte seit 2010 von 7,7 Milliarden auf vier Milliarden Euro 2014 ab.

Neue Strukturen

Mit dem Firmenumbau reagiert der Konzern nun. Die RWE AG als Holding des Gesamtunternehmens soll gestärkt werden. Erneuerbare Energien, Vertrieb und Netzgeschäft - diese von Terium als verbleibende Wachstumsbereiche herausgestellte Sparten könnten nach den Erwartungen von Fachleuten organisatorisch näher an die Firmenzentrale heranrücken. Später - noch nicht im August - sollen bei RWE möglicherweise zusätzliche Vorstandsmitglieder benannt werden. "Der Umbau ist Pflichtprogramm", sagt Aktionärsschützer Tüngler, "dezentrale Strukturen klappen in guten Zeiten, jetzt in der Krise muss der Vorstand durchregieren können."

Konkurrent Eon ist bereits einen solchen Weg gegangen. Der Erzrivale will sich zukünftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und den Vertrieb konzentrieren. Die konventionelle Erzeugung bei den Düsseldorfern wird komplett in die neue Firma Uniper abgetrennt.

Kommunen sind skeptisch

Aber bei RWE gibt es eine Besonderheit, die die Lage nicht einfacher macht. Denn deutsche Kommunen, hauptsächlich aus Nordrhein-Westfalen, sind mit rund 24 Prozent mächtigster Einzelaktionär. Die klammen Kommunen sind auf die Dividende des Konzerns dringend angewiesen und daher in höchster Alarmbereitschaft. Bei den kommunalen Vertretern überwiegen die Zweifel.

"Die Branche wird zunehmend dezentral - warum setzt Terium da auf eine zentrale Struktur", sagt der Geschäftsführer des Verbandes der kommunalen Aktionäre, Ernst Gerlach. "Ist RWE damit noch nah genug an den Kunden?" Gerlach erwartet Antworten vom Management noch vor der Sitzung. Die Gewerkschaftsseite im Aufsichtsrat trägt dem Vernehmen nach Teriums Pläne grundsätzlich mit.

Aktie auf Talfahrt

Die Anleger haben schon lange die Notbremse gezogen. Trotz der boomenden Aktienmärkte geht es mit dem RWE-Papier schon lange bergab. Erst Anfang Juli erreichte die Aktie bei 18,92 Euro ein neues Jahrestief und steht damit so niedrig wie seit dem Jahr 2003 nicht mehr. Am Freitag war das Papier mit einem Abschlag von 1,81 Prozent auf 19,77 Euro zweitschlechtester Wert im Dax.

dpa/rm

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