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Börsenbetreiber

Deutsche Börse-Chef Carsten Kengeter

Ein Blick in die Glaskugel

Der Kampf um die Frankfurter Börse hat begonnen

von Mark Ehren

Stand: 29.02.2016, 11:47 Uhr

Die Fusionsankündigung der Deutschen Börse und der Londoner Börse LSE rüttelt den Finanzplatz Frankfurt durch. Es stehen ereignisreiche Wochen bevor. Dabei droht ein Kampf bis aufs Äußerste - Deutsche Börse AG vs. Hessische Landesregierung.

Dass letztere nicht sonderlich begeistert von den Fusionsplänen ist, zeigte sich bereits in der vergangenen Woche. Kurz nach der Ankündigung der Fusion meldete sich Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir zu Wort: "Sollte ein Antrag auf Veränderung der Eigentümerstruktur der Deutschen Börse AG im Sinne eines geplanten Erwerbs einer bedeutenden Beteiligung gestellt werden, würde die Börsenaufsicht ihn selbstverständlich unter allen in Frage kommenden Aspekten prüfen."

Drei Tage später heißt es aus dem Ministerium, es sollte geprüft werden, ob die angemessene Fortentwicklung des Börsenbetriebs am Standort Frankfurt beeinträchtigt werden könne. Auch sollten die Befugnisse und Funktionen, aber auch die Stellung der Frankfurter Börse in einem neuen Konzern geprüft werden. "Auch der Sitz einer neuen Holdinggesellschaft wird Teil der Analyse sein. Für den Fall, dass Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass eine solche Beeinträchtigung vorliegt, kann der Zusammenschluss durch die Aufsichtsbehörde untersagt werden."

Neben diesen relativ neutral formulierten Pressemitteilungen wurden man inoffiziell bereits deutlicher. Laut einem dpa-Bericht ist die hessische Landesregierung skeptisch, ob der Sitz der geplanten europäischen Mega-Börse in London genehmigungsfähig ist, hieß es am Freitag. Zweifel an den Plänen bestünden aber vor allem auch wegen des möglichen EU-Austritts Großbritanniens ("Brexit").

Carsten Kengeter weiß, was er will

Interessant in diesem Fall sind die handelnden Personen - allen voran Carsten Kengeter, seit vergangenem Jahr Chef der Deutschen Börse. Von seiner Berufung zeigte sich manch einer überrascht. Denn Kengeter hatte in seiner bisher überaus erfolgreichen Karriere bereits die Verantwortung für deutlich größere Bereiche inne gehabt, als es die Deutsche Börse AG als Gesamtunternehmen ist. Man kann vermuten, dass die Deutsche Börse - für sich allein betrachtet - den Manager beruflich nicht unbedingt zufrieden stellt.

Auch aus privaten Gründen könnte das gelten. Bis zu seinem Amtantritt war Kengeters Lebensmittelpunkt in London, schließlich lebt seine Familie dort. Es wäre sicherlich nicht verwunderlich, wenn Kengeter seine Besuche in einem Gewerbegebiet des Frankfurter Vororts Eschborn gerne in Zukunft auf das allernötigste beschränken würde. Dort schlägt derzeit - nach dem aus steuerlichen Motiven erfolgten Umzug aus Frankfurt - das operative Herz der Deutschen Börse AG.

Interessant ist das Verhältnis zwischen der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) und der Deutschen Börse AG. Die FWB gilt gemeinhin als eine "unselbständige Anstalt des öffentlichen Rechts". Träger und Betreiber ist dagegen die private Deutsche Börse. Neben dem in den Medien noch sehr präsenten Frankfurter Parkett haben sich in den vergangenen Jahrzehnten einige extrem erfolgreiche Bereiche herausgebildet: Das elektronische Handelssystem Xetra, die Terminbörse Eurex und die Abwicklungs- und Verwahrgesellschaft Clearstream.

Knackpunkt Xetra

Die Eurex AG hat ihren Sitz in Eschborn, die Clearstream SA in Luxemburg. Beide gehören vollständig der Deutschen Börse. Etwas unklarer ist die Situation bei Xetra. Xetra ist neben dem Parkett ein Handelsplatz der FWB. Allerdings ist Xetra technisch betrachtet eine Software, deren Lizenz der Deutschen Börse gehört. Und wenn etwas ziemlich gut zu bewegen ist, dann ist das Software.

Damit bleibt der FWB als größtes Asset nur der Parketthandel. Die Deutsche Börse AG wiederum ist auf den Parketthandel der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) höchstens noch als Börsen-Schaufenster angewiesen. Schon seit Jahren läuft praktisch der komplette Kassamarkthandel über das elektronische Handelssystem Xetra.

Fazit: Die Frankfurter Wertpapierbörse braucht die Deutsche Börse AG, die Deutsche Börse AG aber nicht (unbedingt) die Frankfurter Wertpapierbörse. Das beraubt die hessische Landesregierung eines wichtigen Hebels, die Börsenfusion zu verhindern. Bleibt die Politik in diesem Fall machtlos? Selbst das Undenkbare erscheint nicht undenkbar.

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